
Es war nicht ein Versäumnis früherer Verwaltungen, die die Altersgruppe von zehn bis vierzehn Jahre als etwas Besonderes, nämlich als „Lücke“ ausgezeichnet hat. Sondern das ist ein ganz besonderes Alter, und dem haben frühere Verwaltungen in lebensweiser Selbst-beschränkung Tribut gezollt: Es ist ein Alter, in dem man nicht betreut und schon gar nicht „maßgenommen“ sein will. Denn es ist die größte Krise im Leben eines jeden, es ist der Abschied von der Kindheit. Auch in physiologischer Hinsicht, als Pubertät, aber nicht nur, nicht einmal vor allem. Es ist eine Krise des ganzen Menschen. Bis dahin verstand sich die Welt von selbst. Alles, was war, war so und nicht anders. Und plötzlich steht alles in Frage. Ist alles so, oder sieht es nur so aus?
„Der entscheidende Grundzug des Pubertätsalters besteht darin, dass es fast jeden Menschen zum Dichter macht“, indem er „die ganze Welt der Erscheinungen“ nicht für bare Münze, sondern bloß „symbolisch nimmt“ (E. Friedell).[5] Die Selbstverständlichkeiten sind dahin und alles gerät in Zweifel, nicht nur alles Andere, sondern auch das Selbst. Es ist der kritische Zustand par excellence, eine „zweite Geburt“ (E. Erikson). Nach außen gibt es sich durch Frechheit, Spottsucht und Mutwillen zu erkennen, und wurde vormals als Flegeljahre[6] geschmäht und als Lausbubenalter oder Robinsonzeit verklärt. In unseren auf korrekten und sparsamen Umgang bedachten Zeiten sieht man sie als Vorstufe zur Jugendkriminalität an und will ihnen mit Verhütungsmitteln begegnen. Dabei sind es wie eh die produktivsten Jahre, von deren Ertrag man ein Leben lang zehrt.
Sozialisation
Welches ihr Ertrag ist, hängt davon ab, wie die Krise überstanden wurde. Die wichtigste, weil nächstliegende ‚äußere’’ Ressource eines Jeden bei Bewältigung der Lebensaufgaben sind seine alltäglichen Zusammenhänge mit Anderen. Die sind eng oder weit, viele oder wenige, tief oder flach; aber nicht gut oder schlecht. Unter gewissen Umständen wirken sie freilich – auf andere – eher konstruktiv, unter anderen eher destruktiv.
Aufgabe der Jugendhilfe ist es, die Bedingungen so zu arrangieren, dass die lebensweltlich gegebenen Zusammenhänge zwischen jungen Menschen eher die Chance haben, konstruktiv zu wirken, als destruktiv. Dass Kinderbanden S-Bahnzüge demolieren, kommt vor. Wenn es aber in ihrer Lebenswelt Besseres zu erleben gibt als das, ist es weniger wahrscheinlich…
In diesem Alter verfügen wir im Wesentlichen über drei ‚äußere Ressourcen’, drei Typen von Zusammenhängen mit Andern: Die eigne Familie daheim, die Schule hinter ihren Mauern, und die Kindergesellschaft – kid society – draußen auf Straßen und Plätzen. In der Familie sind die Zusammenhänge natürlich und heimlich, in der Schule sind sie künstlich institutionalisiert und verregelt. Und statt eines unerschöpflichen Kraftquells sind beide heut öfter Sturmzonen und Minenfelder. Die Kindergesellschaft dagegen ist ebenso natürlicher wie öffentlicher Zusammenhang.
Im bestimmten Gegensatz, doch insofern immer in Wechselbeziehung zur privaten Häuslichkeit und der hieröffentlichen Institution, ist sie auf dieser Lebensstufe vorrangige Sozialisationsinstanz. Sie ist selber eine lebensweltliche, nicht-professionelle Form der ‚Jugendhilfe’ und Einrichtung der Generalprävention, die der Steuerzahler gratis kriegt.
Nicht zu vergessen der Einbruch des Pädagogenstandes! Die berufsmäßigen Sozialisationstechniker sehen in den eigenen Gesellungsformen der Kinder ihren natürlichen Feind und beteiligen sich, neben dem Straßenverkehr und der fortschreitenten Verwertung von Räumen und Zeit, an ihrer Brachlegung.
In Kindergärten und Horten wird der urwüchsige Zusammenhang der Altersgruppen in Jahrgangsklassen aufgesplittert. „Mit dem Wegfallen der älteren, vorpubertären Kinder verlieren die Kleinen ihre anregendsten Spiel- und Sozialisationspartner außerhalb der Kleinfamilie. Außerdem geht darüber auch die Kinderkultur zugrunde, denn diese wird nicht von Erwachsenen tradiert.“[8] Um ihr Erbe wetteifern Schule und Kommerz, und eine entscheidende Bildungsinstanz geht verloren.
[5] Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1947, Bd. I, S. 85
[6] siehe Hans Heinrich Muchow, Flegeljahre, Ravensburg 1963
[7] Irenäus Eibl-Eibesfeld, Die Biologie des menschlichen Verhaltens, München 1995, S. 815f.
[8] ebd
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