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Mittwoch, 20. September 2017

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.


Die theoretisch schon längst als überfällig erkannte Umstellung der Sozialarbeit 'vom Fall zum Feld', d. h. ihre paradigmatisch Umorientierung weg von den 'Defiziten' der Individuen hin zu den 'Ressourcen' der Gemeinwesen, ist in den letzten Jahren durch nichts so sehr kompromittiert worden wie durch die von interessierter Seite aufgebrachte Verquickung des Konzepts mit der bürokratischen Hinterlist der Sozial- raumbudgets. 

Zugestanden sei, dass die Idee nicht ursprünglich aus bürokratischer Absicht entstanden ist. Sie ist entstan- den aus der Unvereinbarkeit feldorienierter und selbst nur bescheiden präventiver (Jugend-) Sozialarbeit mit den Finanzierungsmöglichkeiten des KJHG.

Als 1990 endlich, endlich das altes Reichsjugendwohlfahrtsgesetz JWG durch das neue Kinder- und Jugend- hilfegesetz KJHG ersetzt wurde, war es eigentlich bereits - veraltet. Kein Wunder, es war fast ein Vierteljahr- hundert lang daran gestrickt, gefeilscht und geflickt worden. Als es dann endlich in Kraft trat, war die epo- chale Erneuerung, die es 1968 bedeutet hätte, schon fast zu einer Nebensache geworden. Rechtlich gesehen; denn im Alltag der Jugendverwaltungen sind die neuen Prinzipien auch heute noch nicht überall angekom- men: Es ist nicht länger die ordnungspolitische Selbstermächtigung einer väterlichen Obrigkeit über die Bürger, die die Sozialarbeit begründet, sondern der Anspruch der Individuen gegen den Staat. Dass in der Konsequenz dem 'Klienten' buchstäblich ein Wahlrecht zwischen den rechtlich möglichen Leistung zusteht, ist weit davon entfernt, zu den Selbstverständlichkeiten in deutschen Jugendamtsstuben zu zählen.  

Kein Wunder, die Mittel sind seit 1990 knapper geworden, die Neigung der Ämter geht dahin, wo immer möglich noch hinter die Innovationen des KJHG zurück zu fallen. 

Die professionelle Einsicht rät dagegen, (unter anderm) gerade weil die Mittel knapper sind, über das KJHG hinaus zu gehen, und zwar systematisch. Die Begründung der Sozialarbeit als einer dem Bürger zustehenden Leistung lag ganz im Geist des Jahres 1968. Doch in dieser Logik bleibt sie auf den Einzelfall fixiert. Das Gesetz definiert eine Reihe von Bedarfssituationen, die jeweils einen individuellen Anspruch begründen. Und es definiert einige - freilich im Sinne des Gesetzgebers nicht erschöpfende! - Leistungen. Der Anspruchsberechtigte hat nicht nur eine Mitsprache, sondern - im Fall von Kostenneutralität - selbst ein Wahlrecht hinsichtlich der zu gewährenden Leistung. Der Vorbehalt der Kostenneutralität ist im Alltag keine so gravierende Einschränkung, wie es scheinen mag: Der Behördenmitarbeiter gibt nicht sein eigenes Geld aus, sondern das von Vater Staat. Einen Riesenunterschied macht es allerdings aus, mit welcher 'Maßnahme' er sich mehr Mühe auflädt - und sei er nur mit dem nächsten Vorgesetzten.

Und das ist der springende Punkt: Einzelne Beamte müssen einzelne 'Maßnahmen' bewilligen. Nämlich nachdem ein begründeter 'Anspruch' angemeldet wurde. Im Vorfeld dafür zu sorgen, dass 'Ansprüche', wenn irgend möglich, gar nicht erst auftreten - dafür sind keine Mittel mehr übrig. Denn in realistischer Vorahnung der auch im nächsten Jahr wieder anfallenden Ansprüche, und noch dazu bei freier Wahl der Berechtigten, müssen pauschal reichlich Leistungen "vorgehalten" werden, so dass kein Berechtigter abgewiesen wird und bei Gericht klagen muss und kann. - Das kostet grad genug.

Eine Umstellung des gesamten Systems der individuellen Ansprüche auf die präventive Logik der Feldarbeit und die Rückführuung der Fallmaßnahmen auf eine subsidiäre Rolle würde es nötig machen, über mehrere Jahre die für Jugendsozialarbeit vorgesehen Mittel zu verdoppeln – um parallel einerseits für alle eventuell gemeldeten Ansprüche die gebotenen ‚Leistungen‘ (einschl. Wahlmöglichkeit) „vorzuhalten“, und auf der andern Seite eine umfassende feldorientierte, auf der Stärkung der Ressourcen in den Sozialräumen gerichtete Arbeit in den Gemeinwesen aufzubauen. Letztere würde ganz gewiss einige Jahre brauchen, um quantifizierbare Ergebnisse zu zeitigen, schon weil die Sozialarbeiter selbst sich in die neue Arbeitsweise erst einleben müssen. Da kann man einem Stadtkämmerer tausendmal sagen: Im Lauf der nächsten ein, zwei Jahrzehnte holst du alle Mehrausgaben wieder raus, denn präventive Sozialraumorientierung kommt den Steuerzahler auf die Dauer unvergleichlich viel billiger als – ebenso ineffektive wie personalintensive - nachträgliche Reparaturarbeit; und die werden wir auf ein subsidiäres Minimum beschränken. Er wird sagen: Die nächsten Jahrzehnte kann ich nicht budgetieren. Im kommenden Rechnungsjahr muss ich meinen Haushalt ausgleichen. Tragt eure Ideen in der Hochschule vor; oder bei meiner Partei. In ein, zwei Jahrzehnten reden wir dann weiter…

Das ist prima vista ein unlösbares Dilemma.

Der Gedanke, in den vorhandenen Jugendhilfebudgets eine pragmatische Umschichtung vorzunehmen, indem auf der einen Seite Mittel für die vorzuhaltenden Einzelmaßnahmen eingespart und auf der andern Seite der präventiven Feldarbeit zugeschoben würden, nämlich im Rahmen der kleinteilig übersehbaren Möglichkeiten, war da ja nicht illegitim. Die Jugendämter selbst können das nicht machen – fiskalisch dürfen sie nicht und praktisch haben sie selber nicht genügend Einblick in die je lokale Situation. Daher der Gedanke, die Entscheidung an die einzelnen Träger zu delegieren, denen man für ihre Tätigkeit pro Jahr eine Pauschalsumme gewährt, die sie in ihrer täglichen Arbeit dann nach eigenem professionellen Urteil so hin- und herschieben, wie es zweckmäßig erscheint.

Dass die Jugendämter sich dann am Jahresanfang diejenigen Träger ausgucken müssen (und dürfen), denen sie diese Verantwortung übertragen wollen, und alle andern im ‚Feld‘ tätigen Träger in die Röhre sehen, ist eine hässliche Konsequenz des Ganzen.

Es ist keine Frage der Begriffe, keine Frage der Logik, keine Frage der Theorie. Es ist eine ganz einfache pragmatische Frage: Hält einer, der in der Jugendsozialarbeit eine gewisse praktische Erfahrung angesammelt hat, die deutschen Jugendämter organisatorisch, personell und intellektuell für fähig, eine solche Auswahl professionell verantwortlich zu treffen?

Der Hauptpropagandist der Sozialraumbudgets sagte: „Ich mache mit ihnen Lehrgänge.“

Jeder andere wird sagen: In dem ganzen bürokratischen Gestrüpp, das in Deutschland um die Jugendhilfe rankt, sind es gerade die lokalen Jugendämter, die sich als das Überflüssigste bewährt haben. Sie verwalten Akten, und das braucht keiner. Ausgerechnet denen die hoheitliche Souveränität darüber zuzuschieben, wer im Feld Sozialarbeit betreiben darf und wer nicht, heißt den Bock zum Gärtner machen.


8. 7. 2014


Montag, 18. September 2017

Zurück auf Anfang.

aus Welt am Sonntag, 16.09.2017 

Kommission gefordert  
CDU-Familienpolitiker beklagt schwere Missstände in der Jugendhilfe

„Ich habe als Abgeordneter mittlerweile so viele Fälle von nicht nachvollziehbaren Inobhutnahmen, Sorgerechtsentzügen, aber auch Klagen von Pflegeeltern über die Behörden zugesendet bekommen, dass ich davon überzeugt bin, dass es sich nicht mehr um wenige Einzelfälle besonders versagender Eltern und schwieriger Kinder handelt“, sagte Weinberg der WELT AM SONNTAG. Vielmehr sei anzunehmen, dass es sich dabei um ein systembedingtes oder strukturelles Problem handeln könnte, so Weinberg.


Kinder und Jugendliche würden immer wieder erzählen, dass ihr Wunsch und ihr Wille bei den Entscheidungen, wo und wie sie leben wollen, missachtet werde. Viele Eltern fühlten sich in Familiengerichts- oder Jugendamtsverfahren gedemütigt und genötigt. „Jedes einzelne Fehlurteil, jedes einzelne unter Fehleinschätzungen leidende Kind ist unser Auftrag, das System zu überprüfen“, fordert Weinberg. Ein Tabuisieren, Wegschauen oder Verdrängen dürfe es nicht länger geben.

Zahl der Inobhutnahmen rasant gestiegen

Tatsächlich steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von den Jugendämtern aus ihren Familien genommen werden, seit Jahren stetig. Ein großer Teil der 84.230 im vergangenen Jahr in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen waren zwar minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Aber selbst wenn man diese Gruppe herausrechnet, ist die Zahl der Inobhutnahmen rasant gestiegen – von 26.155 im Jahr 1996 auf 39.295 zehn Jahre später.

Es sei sorgfältig zu prüfen, ob dies an einer Zunahme von Erziehungsversagen und Überforderung von Eltern, an erhöhter Wachsamkeit der Behörden oder an einer Absenkung der Eingriffsschwelle liege, so Weinberg. Mit Blick auf die Auswirkungen auf die betroffenen Familien habe der kommende Bundestag die Pflicht, dies zu überprüfen.

Ähnlich wie in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs müsse Betroffenen und Insidern die Gelegenheit gegeben werden, ihre Erfahrungen aus ihrer Perspektive vertraulich zu schildern, damit unabhängige Experten sie auswerten können.


aus FAZ, 17. 9. 2017

Jugendämter können sogenannte vorläufige Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen als Hilfe in akuten Krisen- oder Gefahrensituationen durchführen – etwa auf Bitten der Kinder oder bei Gefahr für das Kindeswohl. Bis eine Lösung gefunden ist, werden die Minderjährigen in Obhut genommen und können auch in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie untergebracht werden.


Nota. - Bis weit in die neunziger Jahre laute der letzte Schrei in der Jugendhilfe Fremdunterbringung nach Möglichkeit vermeiden! Das klang beinahe revolutionär - war doch das Heim ein Jahrhundert lang sowohl Fundament als auch Schlussstein der Jugendfürsorge gewesen! Dem Geist der Zeit und namentlich der "Heimkampagne" des Jahres '68 folgend, sollte aus der behördlichen Fürsorge nunmehr sozialarbeiterliche Hilfe werden; festgeschrieben im neuen Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz, das nach langen Wehen 1991 endlich das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz aus dem Jahre 1927 ersetzt hat.

Wollte da eine Bürokratie freiwillig den Zugriff auf ihre Untertanen lockern? Ach, weit gefehlt. Es schoss vielmehr die Plethora der ambulanten Maßnahmen ins Kraut, die vielen Sozialarbeitern neue Beschäfti- gungsmöglichkeiten schafften und die im Hintergrund lauernden Heime erst dann in Anspruch nahmen, wenn sich die ambulant Maßgenommenen über Jahre als restistent erwiesen hatten und als Ultima Ratio "nichts anderes mehr übrigblieb" - und dann wiederum die Erwartung bestätigten, dass Fremdunterbrin- gung nichts bringt. Ein Zirkel, der viele Steuermittel kostete und nur den Professionellen und dem See- lenfrieden der Verwaltungen gedient hat.

Aber es wurde immerhin so getan, als lägen den behördlichen Entscheidungen fachliche Erwägungen zu Grunde.

Seit Mitte der neunziger Jahre stand auch die Jugendhilfe im Zeichen des Sparens. Die Stadtkämmerer konnten auch bei gutem Willen dem unvermeidlichen Ruf nach mehr Personal nicht länger nachgeben, und den Jugendämtern blieb nichts übrig, als allüberall nach den billigsten Angeboten zu suchen. Die Folgen sind verheerend. Von fachlichen Debatten in Jugendhilfe und Sozialarbeit ist - mindestens in der interes- sierten Öffentlichkeit - nichts mehr zu hören, Jedem sitzt das Hemd näher als die Hose, und alle machen klein-klein.

Und darum erleben wir ein Anschwellen der... Femdunterbringung! Dass das alles am Ende doch nur immer teurer wird, ist noch der geringste Skandal. Dass viele tausend Leben schon in frühen Jahren beschädigt werden, ist ein viel größerer.

Der allergrößte ist aber, dass seit einem Vierteljahrhundert die Alternativen bekannt sind - aber gegen den Willen einer gefräßigen Bürokratie nie ein Chance bekamen.
JE

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Playbourhood statt Zwangstagsschule.

 aus nzz.ch, 27.11.2016, 01:00 Uhr

Das hast du gut gemacht! 
Das Silicon Valley ist im Rest der Welt vor allem für seinen Innovationsgeist im Bereich Computer und Technik berühmt. Doch die neuste Idee aus Kalifornien könnte nun die Kindererziehung revolutionieren.  

von Melanie Thernstrom

Es war ein Freitagnachmittag in Mike Lanzas Haus in Menlo Park, Kalifornien, die Buben waren ausser Rand und Band. Die einen spielten auf der Strasse Ball, andere turnten im Garten auf dem Zaun herum, ein paar balgten sich auf dem Trampolin. Mikes Haus ist nichts Spezielles – einigermassen modern, nicht sehr gross, wahllos möbliert. Umso spektakulärer, selbst für Silicon-Valley-Verhältnisse, ist der Teil, der den Kindern zum Spielen zur Verfügung steht. Da gibt es eine auf die Garageneinfahrt gemalte Strassenkarte des Quartiers, einen legendären, sieben Meter langen Spiel-Fluss – einst als Kunstinstallation für Kindermuseen entworfen – sowie ein zweistöckiges Spiel-Blockhaus, in dem die Kinder schlafen oder die Whiteboard-Wände bemalen können. Aus dessen erstklassigen Boxen dröhnen gerade Songs von den Talking Heads.

Leo Lanza, 5, foppte meine Kinder. Er behauptete, sie würden sich nicht getrauen, mithilfe der Klettergriffe die 3,5 Meter bis aufs Dach des Spielhauses zu klettern und aufs Trampolin hinunterzuspringen (das nicht mit einem Netz gesichert war). Meine Tochter Violet, das einzige Mädchen hier, fuhr unbeirrt fort, die Spielhauswände mit einem lila Filzstift zu verzieren. «Mir egal, wenn du dir weh tust», gab sie zur Antwort.

Ihr Zwillingsbruder Kieran dagegen verzog sein rundes Gesicht, und sein Teint verfärbte sich rosa. «Ist doch gar nicht wahr!», heulte er. «Ich habe überhaupt keine Angst.» Meine Kinder besuchten damals dieselbe Spielgruppe wie Leo, der jüngste der drei Lanza-Söhne. Ich hatte schon viel von Mike und seinem Haus gehört, das wenige Kilometer von unserem entfernt liegt, aber an diesem Freitagnachmittag war ich anlässlich einer Pizza-Party zum ersten Mal bei ihm.

Mama-Philosophie

Durch die Glasscheibe der Küchentür sah ich, wie Mike für Gäste eine Flasche Wein öffnete. Mike ist eine bekannte, doch polarisierende Figur in Menlo Park. Der Unternehmer Anfang fünfzig hat ein bubenhaftes Grinsen, graumeliertes Haar und trägt wie alle Tech-Typen seines Alters am liebsten Jeans und Turnschuhe. Nachdem er an der Stanford University Wirtschaft studiert, einen MBA sowie ein Lehrdiplom erworben und dann eine Handvoll einigermassen erfolgreiche Startups veräussert hatte, beschloss Mike, sich vertieft mit seinen Ideen über die Erziehung auseinanderzusetzen.

Er begann, ein Blog zu schreiben und Vorträge zu halten, schliesslich gab er im Eigenverlag ein Buch unter dem Titel «Playborhood» heraus. Mike hat den Begriff, ein Kofferwort aus play (spielen) und neighborhood (Nachbarschaft), selber kreiert, um die Umgebung zu beschreiben, die er sich für Kinder wünscht.


Mike ist ein überzeugter Verfechter der Idee, dass «Kinder ihr eigenes Kräftegleichgewicht» finden müssen. Seine Buben sollen eine eigene Gemeinschaft gründen, deren Regeln sie selber aufstellen. Er verwandelte das Haus seiner Familie bewusst in einen Kindertreff und liess alle Nachbarn wissen, dass ihre Kinder jederzeit in seinem Garten willkommen seien, sogar wenn er und seine Familie ausser Haus seien.

Da er kein Fan der teuren, durchorganisierten Sommerkurse ist, wie sie häufig in unserer Gegend angeboten werden, rief Mike seinen eigenen ins Leben: Im nach seiner Strasse benannten «Camp Yale» dürfen die Kinder selber Spiele erfinden und frei durchs Quartier ziehen.

«Versuchen Sie einmal, sich an Ihre zehn besten Erlebnisse aus der Kindheit zu erinnern. Ich wette mit Ihnen, die meisten haben draussen stattgefunden», höre ich Mike immer wieder sagen. «Bei wie vielen war ein Erwachsener dabei? Ich erinnere mich gut, dass wir, wenn ein Erwachsener in unsere Nähe kam, unser Spiel unterbrachen und erst wieder weiterspielten, wenn wir allein waren. Aber die heutigen Mütter lassen ihre Kinder niemals mehr aus den Augen.»


Nach Mikes Weltanschauung wird Buben (auf die er sich hauptsächlich konzentriert) heutzutage das Sammeln maskuliner Erfahrungen vorenthalten, und zwar durch ihre überbehütenden Mütter, von denen sich die passiven Väter dominieren lassen.

Kernthema von Mikes Philosophie ist die hohe Bedeutung von physischer Gefahr: Buben sollen dazu ermuntert werden, Risiken einzugehen, sich zu raufen, hinzufallen und dabei einige Kratzer abzubekommen – oder andern welche zuzufügen. Im Mittelpunkt der sogenannten Mama-Philosophie hingegen (die im Prinzip der heutigen Erziehungsphilosophie entspricht) steht genau das Gegenteil: risikoloses, nettes Spiel, bei dem Kinder weder sich selbst noch andere verletzen. Die meisten Mütter sind nicht gewillt, die Sicherheit ihrer Kinder dem Zufall zu überlassen. Ich jedenfalls bin es nicht.

Mike hatte mich gebeten, hier meine Kinder abzuliefern – nicht, mich noch länger in ihrer Nähe aufzuhalten. Aber gerade hatte ich Leo dabei ertappt, wie er einen Gummischlauch schwang, als hätte er vor, damit auf meinen Sohn einzudreschen, der seinerseits besorgt aussah. Mike schritt in den Garten, sein Weinglas in der einen Hand und ein Stück Käse in der anderen. Seine Frau Perla Ni, eine Anwältin, die eine Nonprofitorganisation leitet, war bei der Arbeit.

Mike mit seiner ungestümen Präsenz (ein Nachbar verglich ihn einst mit einem Labrador-Retriever, der fröhlich jedem ins Gebüsch trampelt) ist ziemlich das Gegenteil der zierlichen, bedachtsamen Perla. Als einziges Kind chinesischer Einwanderer will sie, dass ihre Söhne, anders als sie selbst, eine unbeschwerte Kindheit verleben. «Könntest du die Buben bitte etwas im Auge behalten?», bat ich Mike und machte mich zögernd zum Gehen bereit. Mein Lächeln war schmal und vermittelte: Kannst du um Himmels willen jetzt dein Weinglas abstellen und dich um die Kinder kümmern? Sein Lächeln vermittelte: Lass uns jetzt allein.

Genauso wie andere Gegenden der USA ist das Silicon Valley sportverrückt. Kinder nehmen an Förderprogrammen teil und arbeiten mit privaten Trainern. Doch gemäss Mike werden wichtige Alltagsfähigkeiten, wie er und seine Freunde sie damals beim Spielen ohne Anleitung von Erwachsenen erlangten, in Teamsportvereinen nicht genug gefördert.

Mike und seine Freunde waren gezwungen, Streitigkeiten selber beizulegen, weil ihr Spiel sonst zum Stillstand gekommen wäre. Sie hätten sich nicht auf Sieg oder Niederlage konzentriert, wie unter der Aufsicht Erwachsener, sondern darauf, das Spiel am Laufen zu halten. «Ständig wird darüber geklagt, dass Kinder über zu wenig Freizeit verfügten und Technik-Junkies seien», sagt Mike. «Eine Million Studien belegt: Den Kindern das freie Spielen zu versagen, wirkt sich negativ auf ihre Entwicklung aus. Wir wissen, dass es ihnen schadet. Deshalb habe ich mich gefragt: Was kann ich in dieser Hinsicht für meine Kinder tun?»
 
In neunzehn Häusern daheim

Er analysierte das Problem wie ein Unternehmer, indem er Kinder als Konsumenten und ihre Zeit als Ressource betrachtete. Draussen spielen steht im Wettstreit mit Bildschirmzeit. Aber selbst wenn ein Bub eigentlich Lust hat, nach draussen zu gehen, erklärt Mike: Mit wem soll er spielen? Die Chancen, zu einer bestimmten Zeit draussen einen Spielkameraden anzutreffen, liegen bei 30 Prozent.

Aufgrund des sogenannten Netzwerkeffekts (Kinder beeinflussen sich in ihrem Verhalten) könnten 30 Prozent aber auch null bedeuten. Kein Bub kann darauf zählen, einen Kameraden anzutreffen. So gibt er dem Bildschirm den Vorrang, was die Prozentzahl weiter sinken lässt. Kinder spielen nicht draussen, weil keine anderen Kinder draussen spielen. Im Falle der Playborhood nimmt der Teufelskreis eine positive Dynamik an: Wenn ein Spielkamerad zur Verfügung steht, wollen die meisten Kinder spielen.

Im Zuge seiner Bemühungen um eine Playborhood besuchte Mike Wohnquartiere im ganzen Land, von denen er vermutete, dass sie seiner Vision entsprächen. Als Erstes reiste er ins kalifornische Davis an die N Street, eine rund 20 Häuser umfassende Siedlung. Deren Bewohner teilen sich ihr Land und treffen sich regelmässig zum Nachtessen. Ihre Kinder spazieren frei herum, streifen durch die Gärten und spielen im Gemeinschaftsbereich, zu dem ein Pingpongtisch, ein Pizzaofen und ein Gemeinschaftsgarten gehören.

Mike erzählte mir die Geschichte von der kleinen Lucy aus China, die von einer alleinerziehenden Mutter adoptiert worden war, einer N-Street-Bewohnerin. Als Lucy drei war, starb ihre Mutter an Krebs. Vor ihrem Tod hatte diese jedem Haus einen Kühlschrankmagneten gegeben, auf dem Lucy abgebildet war. Lucy konnte sorglos herumspazieren, da sie wusste, dass es neunzehn Häuser gab, in denen sie willkommen war und sich einen Snack holen konnte.

Mike besuchte auch ein Quartier namens Lyman Place in der New Yorker Bronx, wo Grossmütter und andere Bewohner selber aktiv geworden waren und die Strassen – die für Kinder zum Spielen zu gefährlich waren – den Sommer über sperren liessen. So hatten sie eine Art Riesenspielplatz geschaffen, der von Teenagern aus der Nachbarschaft und von Freiwilligen betreut wurde.

Mike erkannte, dass er die besuchten Playborhoods, deren Bewohner aus der Unter- und Mittelschicht stammten, nicht direkt mit seiner eigenen Nachbarschaft vergleichen konnte, wo ein Haus durchschnittlich zwei Millionen Dollar kostet. Er kam zur Erkenntnis, dass Reichtum und ein Leben in Gemeinschaft schwer vereinbar sind. Wer reich ist, will mit seinem Geld auch Privatsphäre erwerben und sich aussuchen, mit wem er verkehrt. Doch Mikes Kinder sollten nicht nur wissen, wer ihre Nachbarn sind, sondern auch mit ihnen zu tun haben. Und zwar täglich.

Grundvertrauen ist weg >

Um dieses Ziel zu erreichen, musste Mike seine Nachbarn mit ins Boot holen. So entwarf er grosse neongelbe Plastictafeln zum Aufstellen, wie sie verwendet werden, um vor Rutschgefahr zu warnen. Darauf prangte ein Symbol mit spielenden Kindern und das Wort «Playborhood». An Kinderfesten bei sich zu Hause verteilte er die Tafeln an die Eltern, die sie dann in ihre Gärten und auf die Strasse vor ihren Häusern stellten, damit die Kinder «die Strassen von den Autos zurückerobern» konnten. Mike traf zudem eine weitere simple, aber – für ein Quartier, in dem die Gärten nur für das Auge gedacht sind – umso radikalere Massnahme: Er stellte in seinem Garten nahe bei der Strasse einen Picknicktisch auf.

Wenn Mike und seine Familie am Tisch sitzen, und das tun sie oft, sind vorbeispazierende Nachbarn gezwungen, sich mit ihnen zu unterhalten. Am Gartenzaun befestigte er eine Tafel, auf die er Videos und Bilder projizierte, in der Hoffnung, damit Nachbarskinder anzulocken. Und sein Plan ging auf: Kinder kommen herbei, um am Fluss zu spielen, und Erwachsene bleiben stehen, um die Sprüche auf den von einem Künstler gestalteten Bodenmosaiken zu lesen.

Mike hat auch meine Familie beeinflusst. Mit einem «Camp-Yale-Spiel» haben meine Kinder und ich in unserer Strasse neue Freundschaften geschlossen: Wir baten unsere Nachbarn darum, eine Zutat beizusteuern, und buken daraus einen Apfel-Birne-Heidelbeer-Erdbeer-Kuchen. Als er fertig war, brachten wir allen ein Stück vorbei. Meine Tochter war von dem Spiel so angetan, dass sie sich den Kuchen auch zum Geburtstag wünschte. Als uns die Familie von nebenan ihr Trampolin vermachte, teilte ich allen Nachbarskindern mit, dass sie jederzeit in unserem Garten zum Spielen willkommen seien.
Mikes Einstellung, dass Kinder in ihrer Freizeit herumtollen sollen, ist im Silicon Valley ungewöhnlich. Nicht wenige hochqualifizierte Männer und Frauen geben zugunsten ihrer Sprösslinge den Job auf. Und genauso wie das Silicon Valley bei Smartphones führend ist, meinen Silicon-Valley-Eltern nun, sie müssten Modell-Kinder mit speziellen Fähigkeiten hervorbringen oder solche, die coole Projekte am Start haben: Kinder, die ein Startup führen, Umwelteinsätze auf den Galapagos leisten, Arien singen, mehrere Sprachen beherrschen.

Es mutet seltsam an, wie die Eltern ihren pervertierten Ehrgeiz mit Forschungsergebnissen rechtfertigen (etwa der Vergrösserung des Sprachzentrums im Hirn), während sie über Untersuchungsergebnisse zu negativen Auswirkungen vollgestopfter Terminkalender auf Kinder hinwegsehen.

«Mir fällt immer wieder auf, wie unglaublich ängstlich Eltern sind», sagte Mike zu mir. «Das Grundvertrauen in den Nachwuchs ist ihnen abhandengekommen.» Ihm missfällt, wie stark Eltern auf jeden Aspekt im Leben ihrer Kinder Einfluss nehmen, selbst deren Hobbys kuratieren sie mit unerträglicher Sorgfalt.

Er selber beabsichtige, «das Gegenteil eines Tigervaters» zu sein. «Als liberal denkender Mensch betrachte ich die Tatsache, dass Kinder zu wenig Freiheit haben, als eines der grössten Probleme der amerikanischen Gesellschaft.» Kinder würden unter wohlwollender Vernachlässigung prächtig gedeihen. «Zwischen Kindern und Erwachsenen gibt es immer einen Machtkampf», sagt er. «Doch die Kinder von heute sind geschwächt. Es ist nicht gut für sie, ständig unter der Kontrolle Erwachsener zu stehen.»

Forschungsergebnisse bestätigen dies. Offenbar sind Schüler mit «Helikoptereltern» weniger flexibel und selbstbewusst, dafür ängstlicher und anfälliger für Depressionen. Ebenso können Kinder, deren Zeit vollgepackt ist mit Unterrichtsstunden und von Erwachsenen überwachten Aktivitäten, mehr Mühe damit haben, selber «Führungskompetenzen» zu erlangen. Sie sind also kaum fähig, eigene Pläne aufzustellen und zu verfolgen. Umgekehrt entwickeln Kinder diese Fähigkeiten desto besser, je mehr Gelegenheit sie haben, frei zu spielen.

Die Nachbarn reagieren unterschiedlich auf Mike. Mikes Vorschlag, dass alle ihre Gartenzäune abbauen, damit die Kinder besser spielen können, stiess auf taube Ohren. Mike beklagte sich bei mir, weil eine Nachbarin seinen Sohn Marco gebeten hatte, nicht mehr in ihren Garten zu klettern, um ihren Sohn zu treffen. Viele Nachbarn sind dagegen, dass Buben auf den Strassen spielen und kleinere Kinder unbeaufsichtigt mit dem Velo herumkurven. Leo durfte allein durchs Quartier radeln, als er fünf war, und vor zwei Jahren, als Leos Bruder Nico in die Schule kam, durfte dieser den 2,5 Kilometer weiten Schulweg allein per Rad zurücklegen.

Im Frühling letzten Jahres montierte Mike 3 Meter hohe Leitern in jedem Schlafzimmer seiner Söhne, über die sie durch ein Loch in der Decke in den ausgebauten Estrich klettern konnten. Perlas Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen. Sie fürchtete, die Buben könnten hinunterfallen. Tatsächlich stürzte Leo einmal, als er im Estrich spielte, durch die Luke und schlug sich den Kopf an. «Für mich war das eine gewöhnliche Beule, wie Kinder sie immer wieder einmal davontragen», fand Mike. Perla hingegen brachte Leo zu einer Untersuchung ins Spital. «Natürlich war alles in Ordnung», sagte Mike und rollte mit den Augen.

«Klar gibt es Unfälle»

Mike hat auch keine Angst vor Klagen, wenn sich ein Kind auf seinem Grundstück verletzen sollte. Ich frage ihn, wie es mit fahrlässiger Tötung aussehe, wenn ein Unfall geschehe: Ein Kind könnte sich bei einem Sprung vom Spielhaus aufs Trampolin das Genick brechen. (Unfälle auf Trampolinen ohne Netz gelten als Personenschaden.) Macht ihm das keine Sorgen? Er bedachte mich mit einem kurzen Blick und prustete vor Lachen.

Im letzten Februar besuchte Peter Gray, Psychologieprofessor am Boston College und ein Fan von Mikes Ideen, die Familie Lanza und beobachtete die drei Buben einen Tag lang beim Spielen. Bei seinen Vorträgen über die Bedeutung des freien Spiels für die Entwicklung, so Gray, höre er von den Zuhörern, dass sie von der Idee begeistert seien, ihre Kinder aber lieber vor Bildschirmen sässen.

Dann zeigt er ihnen anhand von Mikes Playboorhood, wie Eltern eine neue Nachbarschaftskultur in ihrem Quartier einführen können. Im Rahmen seiner Studien hat Gray Mike begleitet, als dieser die Kinder von der Schule abholte. Mike fuhr mit den Kleinsten nach Hause, während Gray und ich hinter Marco und dessen Freund herradelten, als sie mit ihren Skateboards in den Park fuhren. 

Unterwegs hatten sie ihren Spass daran, auf den Verandatreppen von Fremden Tricks zu vollführen. Im Park sausten sie mit älteren Skatern steile Betonrampen hinunter, während es dunkel wurde. «Sämtliche Säugetiere setzen sich beim Spielen gewissen Gefahren aus», sagte Gray. «So lernen sie, mit Angst umzugehen. Irgendwann geraten wir alle einmal in Stresssituationen. Dann müssen wir Ruhe bewahren können. Klar gibt es Unfälle. Vielleicht stürzt eine junge Ziege einmal beim Spielen von einem Fels ab, aber so etwas kommt höchst selten vor. Wenn dieser Instinkt nicht von evolutionärem Nutzen wäre, wäre solches Verhalten längst ausgerottet.» – «Ziegenmütter sterben aber nicht an einem gebrochenen Herzen wie Menschenmütter», erwiderte ich gereizt.

Gray kennt diese Sorgen. Doch er sagt: «Bei den Jägern und Sammlern gab es noch keine Helikoptermütter. Kinder waren bis vierjährig mit den Müttern zusammen. Dann liess man sie allein und bei den anderen Kindern, wo sie im Spiel die vielschichtigen Fähigkeiten erwarben, die es zum Überleben braucht: den Weg durch den Dschungel finden, Waffen herstellen und Nahrungsquellen erschliessen.»

Nie vergesse ich den Schock, den ich erlitt, als ich meine Kinder von der Pizza-Party bei den Lanzas abholte. Auf dem Nachhauseweg erzählte Kieran, dass er und Leo zusammen aufs Dach geklettert seien. «Aufs Dach? Auf das Dach der Lanzas? Hat es ein Geländer? War ein Erwachsener dabei?»
Das Haus der Lanzas ist mehrstöckig, das Dach teilweise schräg, es gibt aber auch einen ebenen Bereich, der knapp 8 Meter über dem Boden ist. Wenn man auf der Rückseite des Hauses hinunterfiele, würde man entweder auf der Wiese oder vielleicht auf der gepflasterten Terrasse landen. Auf der Vorderseite würde man auf der Einfahrt aufschlagen, auf dem Auto, dem Picknicktisch, dem steinernen Brunnen.

«Wir kletterten durch ein Estrichfenster aufs Dach», berichtete Kieran halb stolz, halb verwundert. «Ohne Erwachsenen!» Ich war mir so sicher, dass es sich um eine Räubergeschichte handelte, dass es mir unangenehm war, Mike danach zu fragen, als ich ihn vor der Schule traf. «Tut mir leid, dass dir unwohl dabei war», meinte er. «Aber du weisst ja, dass mir so etwas keine Angst macht. Wie gross sind die Chancen, dass etwas Schlimmes passiert? Und kennst du jemanden persönlich, der schon einmal vom Dach gefallen ist?» Wie auch immer, so Mike, er setze seinen Kindern  durchaus Grenzen: Sie dürfen dort oben weder Ball noch Fangen spielen. 


«Und du vertraust ihnen?», fragte ich. Er antwortete: «Ich will ihnen vertrauen. Für mich ist es in Ordnung, wenn Dinge passieren, von denen ich nicht will, dass sie passieren. Zu wissen, dass sich meine Kinder vergnügen, ist für mich alles, was zählt. Auf dem Dach wird nicht gerannt, diese Regel habe ich ihnen ins Hirn eingepflanzt. Es ist ein ständiger Kampf, aber ich glaube, meine Erziehungskompetenzen auf eine höhere Ebene bringen zu können, wenn ich ihnen vertraue. Ich bin überzeugt, dass ihnen mein Vertrauen viel bedeutet.»

Es war offensichtlich, dass sich unsere Auffassungen von Risiko wesentlich voneinander unterschieden. Für ihn sind Risiken eine Sache der Wahrscheinlichkeit: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Kind zu Tode stürzt? Google hat eine Antwort auf diese Frage parat, aber ich weiss, dass wir die Zahl unterschiedlich betrachten würden.

Mike lässt sich in seinen Entscheidungen ohnehin nicht von Statistiken einschränken. Seine Philosophie trägt utopisch-libertäre Züge; er ist ein Mann, der sich in erster Linie von seiner Theorie lenken lässt. Für ihn sind solche Ereignisse mit geringer Wahrscheinlichkeit vernachlässigbar; für mich sind es Tragödien, die jemanden treffen.

Für mich kommt Spielen auf dem Dach mehr der Teilnahme an einer Lotterie gleich, in der, wenn die Kinder von uns allen auf dem Dach spielen, das Kind von jemandem das Erwachsenenalter nicht erreichen wird – und an dieser Lotterie will ich nicht teilnehmen. Die eigentliche Frage ist: Glauben Sie, dass das Kind, das hinunterfällt, Ihres sein könnte?
 
Macht über die Erwachsenen

Ich beschloss, mir das Dach anzuschauen. Ich suchte Kieran, und wir kletterten durch den Estrich hinaus. In den ersten Sekunden versuchte ich die Überlebenschancen nach einem Sturz abzuschätzen, aber dann nahm das berauschende Gefühl, auf die Welt hinabzublicken, überhand.

Ich kam mir vor wie auf einer Kinderbuch-Turmspitze: Unter mir breitete sich ein mit Häusern, Gärten und Strassen gemusterter Quilt aus, Wiesen und Swimmingpools bildeten grüne und hellblaue Punkte – das Quartier sah aus wie auf den Plänen auf Mikes Garageneinfahrt.

Ich sah den Spiel-Fluss, den Brunnen, die Mosaiken und auf der Strasse die Kinder beim Fussball, wie sie ihren Platz vor den Autos verteidigten.

Ich nahm die Lebendigkeit in den Körpern der Buben wahr: die berauschende Macht über die Welt der Erwachsenen, die ihnen für kurze Zeit ausweichen müssen.


Nota. - Die älteren meiner Leser haben noch die "antiautoritäre Erziehung" der 60er, 70er Jahre kennen- gelernt; und an die Abenteuerspielplätze, die aus Dänermark zu uns gekommen sind, erinnern Sie sich auch noch?

Damals kam niemand auf den Gedanken - jedenfalls äußerte ihn keiner mehr -, dass "Erziehung", wenn sie denn sein musste, einen andern Zweck haben könnte als Kinder in die Lage zu setzen, ihr Leben selber zu meistern. Emanzipation nannte man das damals pathetisch, aber jedenfalls verstand jeder: Kinder so zu modellieren, dass sie in ein Förmchen passen, ist kein vertretbarer Zweck.

*

Es ist an der Zeit, die Dinge wieder bei ihrem Namen zu nennen. Es darf den selbstherrlichen Technokra- ten, die sich als Bildungsexperten aufspielen, nicht länger erlaubt werden, sich als die Herolde irgend eines Fortschritts auszugeben. Sie sind die Vorhut der allerborniertesten, allerschwärzesten und allerzynischsten Reaktion. Fortschritt gibt es immer nur in eine Richtung: Ausweitung der Mächtigkeit eines jeden über seine eigene Lebensführung. Das Einpassen in zugedachte Rollen ist ein Rückfall weit ins vergangene Jahr- tausend. 
JE

Freitag, 11. November 2016

Nachwort zum Schlusswort...

...das eigentlich ein Vorwort war:

n3po                                                                           aus Wildwuchs in der Jugendhilfe

Der von so manchen Jugendämtern fröhlich aufgegriffene Vorschlag der Sozialraumbudgets, der den Gedanken der Neuordnung der Sozialarbeit nach Feld-Gesichtspunkten auf lange Zeit nachhaltig kompro- mittiert haben dürfte, ging ja, das muss man gerechterweise sagen, auf ein ehrenwertes fachliches Motiv zurück: Es war die Sorge um den Erhalt der professionellen Standards zu Zeiten knapper Kassen, und der Hintergrund war eben - der besagte Wildwuchs, der seit Jahrzehnten auch bei uns, sicher viel stärker noch als in Österreich, um sich gegriffen hat.

Den Anfang machten die Antiautoritären Kinderläden ab Mitte der sechziger Jahre, da war Pioniergeist und Idealismus, und es brauchte einige Zeit und Agitation, bis überhaupt die ersten öffentlichen Groschen locker gemacht werden konnten. Es war immer noch viel Abenteuer dabei, und für Leute, die ne ruhige Kugel schieben wollten, war es nix. - Ich kürze ab: Für die wurde es was in den siebziger Jahren, als die Fördermittel sprudelten, weil Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit in den oberen Etagen der Verwal- tung als frischer Wind wahrgenommen wurden und weil... man bemerkte, dass privates Engagement die öffentlichen Haushalte entlasten kann. Und so kam es, dass auch bei uns - will mir da einer ehrlichen Herzens widersprechen? - Leute "mit falscher Motivation" angelockt wurden. Sicher waren die Stellen, solange man sich bei den internen Intrigen auf der richtigen Seite hielt, fast so wie im öffentlichen Dienst und die Kugeln womöglich noch ruhiger, und vor allem: Da war keiner, der einem fachlich auf die Finger sah.

Das ist aber im privaten wie im öffentlichen Bereich das größte Problem. Professionell störend sind die Ämter in der Kinder- und Jugendhilfe nicht, weil sie kontrollieren, sondern weil sie professionell gar nicht kontrollieren können, sondern sich mit pauschaler präventiver Schikane begnügen müssen; und im Einzel- fall dann "auch mal ein Auge zudrücken"! Das Problem ist für die Praktiker nicht, wenn es ihnen auch so vorkommen mag, dass es zuviel Kontrolle gäbe, sondern dass es zuwenig fachliche Kontrolle gibt.

Ins Auge springt das, seit die Fördermittel immer spärlicher tröpfeln. Wie im Artikel nur schamhaft angedeutet, setzte innerhalb des Wildwuchses eine Preiskonkurrenz ein, und die Ämter neigten unterm sanften Druck der Stadtkämmerer dazu, die billigsten Angebote vorzuziehen. Dagegen, wurde mir damals versichert, sollten die Sozialraumbudgets ein Bollwerk schaffen. Es sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die - oben so genannten - Schwarzen Schafe auszusondern.

Dass das wünschenswert wäre  - wer, der die Branche kennt, würde das bestreiten? Dass dafür die Jugendämter die am besten geeignete Instanz wäre - wer, der die Branche kennt, kann auf diese Schnaps- idee kommen!

* 

Der Wildwuchs hat das öffentliche Standing der Sozialpädagogik bis auf die Knochen ruiniert. Als in den sechziger Jahren die Pioniere daran gingen, dieses Berufsbild überhaupt erst zu schaffen, da war die allgemeine Reaktion von Müller und Meier: Hut ab, die traun sich was. Heute tut ein Sozialpädagoge gut daran, in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis seinen Beruf zu verschweigen, weil sonst alle denken: Tagedieb mit großem Maul.

Das ist wie mit dem schlechten Ruf des Öffentlichen Dienstes: Es ist gar nicht nötig und es ist ja wahr- scheinlich gar nicht mal der Fall, dass "alle so sind". Es kommt drauf an, wer in der Behörde oder im Milieu den Ton angibt. Da geht es nicht nur darum, wer öfter und wer seltener, wer lauter oder leiser das Wort ergreift, sondern wie das Umfeld resonniert, und da mag das Ganze wirklich mehr oder ganz was anderes sein als die Summe seiner Teile.

Es hat also ein bisschen was für sich, wenn jeder einzelne - in der Behörde oder im Wildwuchs der Praktiker - sagt: An mir liegt's nicht! Was hab ich nicht alles versucht, aber man läuft ja überall gegen Wattewände. Man kann gar nix machen. - Eine der Leitenden Beamtinnen, die seinerzeit mein Kinderhaus in die Pleite getrieben haben, sagte mir damals: "Herr E., Sie wissen doch, wie das System funktioniert!" Ich habe geantwortet: In all den Jahren ist mir hier auf Ihren Fluren ein System nie begegnet. Ich habe immer nur einzelne Beamte getroffen, die dieses getan und jenes nicht getan haben. Es gibt gar kein System.

Wenn sie nämlich alle sagen: An mir liegt's nicht, dass es so ist, haben sie nur zum Teil Recht. Zum anderen, wichtigeren Teil muss man sagen: Aber an dir liegt's, wenn es nicht anders wird. Wer soll's denn anders machen, wenn nicht du? Wenn alle sagen, an mir liegt's nicht...

Das ist banal, sagen Sie? Wir sind hier in Deutschland, hier ist das nicht banal. Man konnte als Einzelner ja nichts machen, sollte ich allein den Kopf hinhalten? - So weit ins Detail gingen die meisten gar nicht; die sagten schlicht, ich habe nur Befehle ausgeführt.

Mit andern Worten, für Zynismus und Schlendrian gibt es tausend Ausreden und keine Rechtfertigung.

Donnerstag, 10. November 2016

Mein einstweiliges Schlusswort.


Herkules säubert den Augiasstall

Der Geschäftszweig der Jugendhilfe ist in Deutschland* ein Augiasstall. Die Frage ist nicht, ob da "alle so sind". Das Faktum ist, dass die, die dort vorankommen, so sind und nicht anders. Das Faktum ist, dass dieser Geschäfstzweig eine Anziehung ausübt auf Leute mit schlechtem Charakter. Die erkennen sich am Geruch und helfen einander vorwärts. 

Ich glaube nicht an Reformen. Es ist nicht "das System"; es sind immer die Leute. Die müsste man austauschen. Genauer gesagt: Die, die da sind, müsste man sich vom Halse schaffen, und für die Neuen sich eine andere Auswahl einfallen lassen.

Das klingt, als wärs mein letztes Wort in dieser Sache. Doch soll man niemals nie sagen.
 
*) Über andere Länder darf ich nicht urteilen.





Freitag, 5. Februar 2016

Wildwuchs in der Jugendhilfe: Zum Beispiel Wien.

aus Die Presse, Wien, 5. 2. 2016

Kindergruppen: Wie der „Wildwuchs“ entstand
Die Stadt Wien brauchte plötzlich deutlich mehr Betreuungsplätze. Man setzte auf Private und finanzierte sie üppig. Regeln gab es nur vage. Nun kämpft man mit Skandalen und mangelhaft ausgebildetem Personal.

Von Julia Neuhauser

Wien. Die Negativschlagzeilen reißen nicht ab: Zuerst sorgte ein Bericht für Aufsehen, der muslimischen Kinderbetreuungseinrichtungen vorwarf, Parallelgesellschaften aufzubauen. Dann geriet ein Wiener Kindergartennetzwerk, das Förderungen in Millionenhöhe erschlichen haben soll, ins Visier der Polizei. Und zu guter Letzt gab es Aufregung um einen Stadtrechnungshof-Bericht, der fehlende Kontrolle beklagte. Allesamt Einzelfälle? Oder Symptome eines kranken Systems?

1 Die Stadt war auf private Anbieter angewiesen. Der „Wildwuchs“ der Kindergruppen begann.

Die Zeit drängte. Das verpflichtende Kindergartenjahr war politisch paktiert und sollte im Herbst 2009 starten. Doch es fehlten die entsprechenden Plätze. Die Stadt war auf private Anbieter angewiesen. Es begann unter anderem der Ausbau der Kindergruppen – für die andere, lockerere Regeln als für Kindergärten galten (siehe Punkt 2). So gab es vor sechs Jahren in Wien 268 Kindergruppen. Heute sind es 620. 7400 Kinder, rund neun Prozent, besuchen also eine solche. 

Die Kindergruppen sind einst in den 1970er-Jahren entstanden. Als „hippiemäßige“ Bewegung, in denen Eltern, die ihre Kinder nicht dem staatlichen System überlassen wollten, kochten und putzten, werden sie beschrieben. Diese elternverwalteten Gruppen dürften mittlerweile in der Minderheit sein, die meisten sind selbstverwaltet. Rund 450 der Kindergruppen sollen islamisch sein, so steht es zumindest im umstrittenen Projektbericht des Religionspädagogen Ednan Aslan (Uni Wien). Die Stadt erhebt dazu keine Zahlen. Es werden Vereine gelistet, aber weder der religiöse Hintergrund noch die Staatsbürgerschaft wird erhoben. 

Im elementarpädagogischen Bereich werden die Entwicklungen der vergangenen Jahre jedenfalls kritisch gesehen: „Die Branche leidet schon lang unter einem Wildwuchs an Kindergruppen“, sagt Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform Educare zur „Presse“.

2 Eingesetzte Betreuer haben „Miniausbildung“. Statt 90 Einheiten gibt es künftig 400.

Anders als in Kindergärten muss in Kindergruppen kein ausgebildeter Pädagoge anwesend sein. Es genügt, wenn Betreuer eingesetzt werden. Wobei sich ihre Aufgabe eigentlich nicht unterscheidet. Mit einer Ausnahme: In einer Kindergruppe dürfen maximal 14 Kinder und damit deutlich weniger als in Kindergartengruppen betreut werden. Die Ausbildung ist dennoch eine völlig andere. Es ist weder ein Eignungstest noch eine Abschlussprüfung vorgeschrieben. Betreuer müssen lediglich einen Kurs im Ausmaß von mindestens 90 Unterrichtseinheiten absolvieren. Nach 15 Einheiten Pädagogik, 15 Einheiten Entwicklungspsychologie und ein paar anderen Fächern (übrigens sind das allesamt nur Richtwerte) kann man als Betreuer arbeiten. Das Ganze ist also in wenigen Wochen zu schaffen. 

„Das ist eine Miniausbildung“, sagt Eva-Maria Rauchensteiner, die mit der „Bildungspraxis“ selbst ein Institut für Aus- und Weiterbildung leitet und die Ausbildung auf 300 Stunden ausgedehnt hat. Hier will die Stadt nun für Änderungen sorgen. Noch vor dem Sommer soll die Ausbildung auf 400 Stunden erhöht werden. Eine schriftliche Seminararbeit und eine kommissionelle mündliche Prüfung werden Pflicht. Dabei gibt es aber einen Haken: Die Neuregelung wird nicht rückwirkend gelten und gilt nur für Betreuer, die künftig mit der Ausbildung beginnen.

3 „Schwarze Schafe“ unter den privaten Ausbildnern.

Die Ausbildungsinstitute sind private Institute. Welche Ausbildner sie einsetzen, bleibt ihnen überlassen. Sie müssen sich lediglich an die vage gehaltenen Vorgaben der Stadt halten. Und so hört man, wenn man sich in der Branche umhört, Geschichten von „schwarzen Schafen“ und Kindergruppenbetreuern, die weder gelernt haben, einen Essensplan für die Kinder zu erstellen noch ein Kind zu wickeln. In der zuständigen MA 11, Amt für Jugend und Familie, weiß man über „stundenmäßig divergierende“ Ausbildungen Bescheid. Ausschlaggebend sei, dass die Verordnung (u. a. das Ausbildungsmaß von bislang 90 Einheiten, Anm.) eingehalten werde. Die Ausbildungen sind unterschiedlich lang und dementsprechend unterschiedlich teuer. Das dürfte auch beim Ansuchen für Förderung – etwa beim AMS – eine nicht ganz von der Hand zu weisende Rolle spielen. Sind die Fördertöpfe nahezu leer, dürfte billigeren Ausbildungen der Vorzug gegeben werden.

4 Mit üppigen Finanzierungen wurden Personen „mit falscher Motivation“ angelockt.

Apropos Kosten: Die Stadt Wien hat für den Ausbau der Kinderbetreuungsplätze viel Geld in die Hand genommen. Für die Neuerrichtung einer Kindergruppe gab es im besten Fall eine einmalige Anstoßfinanzierung von 32.000 Euro, eine Basisförderung von 250 Euro pro Kind und Monat sowie einen Grundbeitrag und Verwaltungszulagen. „Das hat viele Menschen mit falscher Motivation angelockt“, sagt Rauchensteiner. 

Diese konnte die Stadt in der Vergangenheit offenbar nicht ausfindig machen. Wohl auch deshalb, weil es an der finanziellen und der qualitativen Kontrolle mangelte. So muss die Qualität einer Institution nur ein Mal im Jahr kontrolliert werden. Das versuchen derzeit elf und künftig 13 Kontrolleure zu schaffen.


Nota. - Ach ja, ich weiß, in Deutschland ist vieles anders. Aber nicht alles, und vor allem nicht das Wichtigste: die Dynamik.

Der von so manchen Jugendämtern fröhlich aufgegriffene Vorschlag der Sozialraumbudgets, der den Gedanken der Neuordnung der Sozialarbeit nach Feld-Gesichtspunkten auf lange Zeit nachhaltig kompromittiert haben dürfte, ging ja, das muss man gerechterweise sagen, auf ein ehrenwertes fachliches Motiv zurück: Es war die Sorge um den Erhalt der professionellen Standards zu Zeiten knapper Kassen, und der Hintergrund war eben - der besagte Wildwuchs, der seit Jahrzehnten auch bei uns, sicher viel stärker noch als in Österreich, um sich gegriffen hat. 

Den Anfang machten die Antiautoritären Kinderläden ab Mitte der sechziger Jahre, da war Pioniergeist und Idealismus, und es brauchte einige Zeit und Agitation, bis überhaupt die ersten öffentlichen Groschen locker gemacht werden konnten. Es war immer noch viel Abenteuer dabei, und für Leute, die ne ruhige Kugel schieben wollten, war es nix. - Ich kürze ab: Für die wurde es was in den siebziger Jahren, als die Fördermittel sprudelten, weil Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit in den oberen Etagen der Verwaltung als frischer Wind wahrgenommen wurden und weil... man bemerkte, dass privates Engagement die öffentlichen Haushalte entlasten kann. Und so kam es, dass auch bei uns - will mir da einer ehrlichen Herzens widersprechen? - Leute "mit falscher Motivation" angelockt wurden. Sicher waren die Stellen, solange man sich bei den internen Intrigen auf der richtigen Seite hielt, fast so wie im öffentlichen Dienst und die Kugeln womöglich noch ruhiger, und vor allem: Da war keiner, der einem fachlich auf die Finger sah.

Das ist aber im privaten wie im öffentlichen Bereich das größte Problem. Professionell störend sind die Ämter in der Kinder- und Jugendhilfe nicht, weil sie kontrollieren, sondern weil sie professionell gar nicht kontrollieren können, sondern sich mit pauschaler präventiver Schikane begnügen müssen; und im Einzelfall dann "auch mal ein Auge zudrücken"! Das Problem ist für die Praktiker nicht, wenn es ihnen auch so vorkommen mag, dass es zuviel Kontrolle gäbe, sondern dass es zuwenig fachliche Kontrolle gibt.

Ins Auge springt das, seit die Fördermittel immer spärlicher tröpfeln. Wie im Artikel nur schamhaft angedeutet, setzte innerhalb des Wildwuchses eine Preiskonkurrenz ein, und die Ämter neigten unterm sanften Druck der Stadtkämmerer dazu, die billigsten Angebote vorzuziehen. Dagegen, wurde mir damals versichert, sollten die Sozialraumbudgets ein Bollwerk schaffen. Es sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die - oben so genannten - Schwarzen Schafe auszusondern.

Dass das wünschenswert wäre  - wer, der die Branche kennt, würde das bestreiten? Dass dafür die Jugendämter die am besten geeignete Instanz wäre - wer, der die Branche kennt, kann auf diese Schnapsidee kommen!

* 

Der Wildwuchs hat das öffentliche Standing der Sozialpädagogik bis auf die Knochen ruiniert. Als in den sechziger Jahren die Pioniere daran gingen, dieses Berufsbild überhaupt erst zu schaffen, da war die allgemeine Reaktion von Müller und Meier: Hut ab, die traun sich was. Heute tut ein Sozialpädagoge gut daran, in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis seinen Beruf zu verschweigen, weil sonst alle denken: Tagedieb mit großem Maul.

Das ist wie mit dem schlechten Ruf des Öffentlichen Dienstes: Es ist gar nicht nötig und es ist ja wahrscheinlich gar nicht mal der Fall, dass "alle so sind". Es kommt drauf an, wer in der Behörde oder im Milieu den Ton angibt. Da geht es nicht nur darum, wer öfter und wer seltener, wer lauter oder leiser das Wort ergreift, sondern wie das Umfeld resonniert, und da mag das Ganze wirklich mehr oder ganz was anderes sein als die Summe seiner Teile.

Es hat also ein bisschen was für sich, wenn jeder einzelne - in der Behörde oder im Wildwuchs der Praktiker - sagt: An mir liegt's nicht! Was hab ich nicht alles versucht, aber man läuft ja überall gegen Wattewände. Man kann gar nix machen. - Eine der Leitenden Beamtinnen, die seinerzeit mein Kinderhaus in die Pleite getrieben haben, sagte mir damals: "Herr E., Sie wissen doch, wie das System funktioniert!" Ich habe geantwortet: In all den Jahren ist mir hier auf Ihren Fluren ein System nie begegnet. Ich habe immer nur einzelne Beamte getroffen, die dieses getan und jenes nicht getan haben. Es gibt gar kein System.

Wenn sie nämlich alle sagen: An mir liegt's nicht, dass es so ist, haben sie nur zum Teil Recht. Zum anderen, wichtigeren Teil muss man sagen: Aber an dir liegt's, wenn es nicht anders wird. Wer soll's denn anders machen, wenn nicht du? Wenn alle sagen, an mir liegt's nicht...

Das ist banal, sagen Sie? Wir sind hier in Deutschland, hier ist das nicht banal. Man konnte als Einzelner ja nichts machen, sollte ich allein den Kopf hinhalten? - So weit ins Detail gingen die meisten gar nicht; die sagten schlicht, ich habe nur Befehle ausgeführt.

Mit andern Worten, für Zynismus und Schlendrian gibt es tausend Ausreden und keine Rechtfertigung.
JE

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Heißa, neue Posten!


institution logoDortmunder Erklärung: Schulso-zialarbeit systematisch ausbauen





Eva-Maria Reuber
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fachhochschule Dortmund

Schulsozialarbeit muss systematisch ausgebaut und an allen Schulen professionell etabliert werden. Als fachlich aus der Kinder- und Jugendhilfe begründetes Angebot muss sie bundesweit verbindlich geregelt, qualitativ abgesichert und dauerhaft etabliert werden. Das sind einige der wesentlichen Forderungen, die beim Bundeskongress Schulsozialarbeit an der Fachhochschule Dortmund als „Dortmunder Erklärung“ verabschiedet wurden.

Für jeweils 150 Schülerinnen und Schüler, so die Rechnung des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit, müsse mindestens eine Vollzeitstelle zur Verfügung* stehen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland bedeutet das die Schaffung von insgesamt 62.000 neuen Stellen. Die Kosten für diesen Ausbau beziffert der Verbund auf ca. 3,6 Milliarden Euro jährlich.

Auf Einladung des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit, der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit NRW, der Fachhochschule Dortmund und der Stadt Dortmund hatten sich am 4./5. Dezember rund 700 sozialpädagogische Fachkräfte, WissenschaftlerInnen sowie Träger aus dem ganzen Bundesgebiet zum Austausch getroffen. In mehr als 80 Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops standen neben fachlichen Themen auch aktuelle Positionen und Perspektiven der Schulsozialarbeit im Mittelpunkt. [Und stellen Sie sich vor: Sie sind übereingekommen, dass sie dringend mehr Stellen brauchen!]

„In den vergangenen Jahren“, sagte Bernhard Eibeck als Sprecher des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit, „hat die Schule eine Menge neuer Aufgaben übernommen: Ganztagsangebote, Projekte, individuelle Förderung Benachteiligter und soziale Integration. Dazu kommt jetzt noch die sozialpädagogische Unterstützung der nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Dies alles ist ohne Schulsozialarbeit nicht zu machen.“ Einige Bundesländer und Kommunen hätten mit erheblichen Mitteln neue Förderprogramme aufgelegt. Diese seien allerdings zumeist zeitlich befristet. „Wir brauchen“, betonte Eibeck“, einen systematischen und dauerhaft abgesicherten ** Ausbau der Schulsozialarbeit an allen Schulen.“




Der Kooperationsverbund Schulsozialarbeit und die Landesarbeitsgemeinschaften schätzen, dass es bundesweit derzeit rund 10.000 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte an Schulen gibt. Diese sind überwiegend bei freien Trägern der Jugendhilfe angestellt, in Nordrhein-Westfalen aber auch unmittelbar im Schuldienst. Bei 10,9 Millionen Schülerinnen und Schülern betreut rechnerisch ein Schulsozialarbeiter/eine Schulsozialarbeiterin 1.089 Kinder und Jugendliche. Viele Schulen haben nur eine halbe Stelle; an anderen Stellen ist ein Schulsozialarbeiter sogar für mehrere Schulen zuständig.

„Die Stadt Dortmund ist ein guter Standort für Schulsozialarbeit. Sie gibt konzeptionell und strukturell ein Beispiel, wie man Schulsozialarbeit steuern und vernetzen kann“, gab Bernhard Eibeck der Kommune gute Noten. Ein solches Zusammenspiel drückt sich unter anderem in der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Koordinierungsstelle Schulsozialarbeit der Stadt und dem Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften aus, die seit Jahren unter anderem gemeinsam einen „Fachtag Schulsozialarbeit“ an der FH Dortmund veranstalten.


Prof. Dr. Nicole Kastirke, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, bereitete den Bundeskongress Schulsozialarbeit von Seiten der Fachhochschule Dortmund maßgeblich vor. Sie hofft nun auf einen guten Nachhall der Dortmunder Erklärung: „Wenn wir es geschafft haben, den Schulsozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in unserem Land Wertschätzung für ihre tägliche Arbeit entgegenzubringen und gleichzeitig eine Bewegung anzustoßen, die für bessere Rahmenbedingungen in diesem Arbeitsfeld sorgt, dann werden es uns die Kinder und Jugendlichen danken. Schule ist viel mehr als kognitives Lernen und tägliches Überleben von Unterricht! Nur mit multiprofessionellen Teams lässt sich Schule entwickeln und zu einem Lern- und Lebensort machen.“


*) [Wem zur Verfügung stehen?]
**) [Das gehört nämlich zum Profil des fachlich qualifizierten Sozialarbeiters: Er will abgesichert sein.]

Prof. Dr. Nicole Kastirke, Fachhochschule Dortmund, Angewandte Sozialwissenschaften, Telefon: 0231 755-4919, E-Mail: nicole.kastirke@fh-dortmund.de

Weitere Informationen: http://www.bundeskongress-schulsozialarbeit.de

Nota:  
Posten 
her, wenn's 
sein muss, von der Konkurrenz,
und es mög' keinen was 
kosten.
JE