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Eine kopernikanische Wende: Vom Fall zum Feld.

Eine kopernikanische Wende
 
oder: 
Vom Ordnungsdienst zur Vermittlungsagentur
 hoheitliche Normen 

Es gab eine Zeit, da stand es fest, wie die Welt beschaffen ist, und daß sie so zu bleiben hat. Ihr Sein war auch schon ihr Sollen. Es war klar, was die Regel war und was die Ausnahme, was Gesetz und was Abweichung, was normal war und was unnormal; und darüber, daß es weiterhin klar bliebe, wachten geistliche und weltliche Hoheiten, denn dafür waren sie da. Zwar ist die Welt in ihrer Wirklichkeit noch niemals heil gewesen, und ob das, was Pfaffen, Ärzte und Polizisten jeweils für die Regel hielten, von den Statistikern auch als gesellschaftlicher Durchschnitt wiedererkannt worden wäre, ist eine Frage für sich.

Doch für die gesellschaftliche Normalität ist weniger entscheidend, ob sie ist, als daß sie gilt.

Die mentale Verfassung eines Gemeinwesens ist für die Individuen, die es ausmachen, selber eine objektive Gegebenheit. Sie besteht nicht bloß – gedacht – in den Köpfen, sondern – real – in Raum und Zeit: in Gestalt der Institutionen.

Der Sinn unserer Institutionen liegt, nach Arnold Gehlens klassischer Definition,[1] der Entlastung der „instinktentbundenen“ menschlichen Individuen von „zuviel Unterscheidungs- und Entscheidungsdruck“ in einem stets unübersichtlicheren, immer ‘offeneren’ Universum.

Die sozialen Dienste sind solche Institutionen, und die Professionellen, die darin arbeiten, sind vergesellschaftete Wesen. In einem Gemeinwesen, das sich als endgültig vorkommt, ist der Staat Hoheit, die dem, der in die Irre geht, den rechten Weg weist; die ihn „ins Gemeinwesen (re-) integriert“. Er ist hier – Vater, und in gütiger Strenge kümmert er sich um die Seinen. Unter solchen Prämissen ist die Sozialarbeit, sie mag wollen oder nicht, selbst hoheitlicher und normativer Ordnungsdienst.

Die moderne Gesellschaft versteht sich – weil sie Verkehrs- und Leistungsverhältnis ist – nicht als Familie noch als Topos in einem Heilsgeschehen, sondern als nützliche Einrichtung, die die Unendlichkeit der Warenflüsse wahrt. Als Zirkulationsprozeß ist sie wesentlich eine Open-end-Veranstaltung. Folgerichtig verheißt sie ihren Teilhabern auch nicht Happiness, sondern lediglich the Pursuit Of[2]

Sie ist Gesellschaft, nicht Gemeinschaft.

Gegen die geweihten Ordnungen einer seelenvollen Vergangenheit nimmt sie sich kalt und kärglich aus. Dabei ist sie das heroische Zeitalter; denn sie hat den Menschen auf seine eignen Füße gestellt und uns zur Freiheit verurteilt.

In aller Konsequenz erleben wir es erst jetzt. Individualisierung, Differenzierung, Pluralisierung bedeuten eine Informalisierung der Verkehrsformen, wo alles immer wieder neu ausgehandelt werden muß. Was Ausnahme ist und was Regel, wer kann es noch sagen? Es ist keine Frage der richtigen Lehre mehr, sondern eine praktische Evidenz: Selbst wenn sie es wollte, die Sozialarbeit kann gar nicht mehr normativ sein – weil die verbindlichen Normen fehlen.[3] Nichts ist mehr selbstverständlich.

Und ist ersteinmal das Sollen problematisch, dann versteht sich bald auch das… Sein nicht mehr von selbst.[4]

Neomoderne

Dieser Verlust der Selbstverständlichkeiten ist in den Sozialwissenschaften unter dem Stichwort „Modernisierung moderner Gesellschaften“ thematisiert und in der Öffentlichkeit vornehmlich durch die von Jürgen Habermas entwickelte Formel von der „neuen Unübersichtlichkeit“, dann durch den von Ulrich Beck geprägten Begriff der „Risikogesellschaft“ bekanntgeworden. Damit ist ein säkularer Prozeß bezeichnet, der mehr oder weniger alle industriellen Gesellschaften erfaßt und durch seine grundlegende Ambivalenz geprägt ist: „nämlich einerseits eine rasch voranschreitende Erosion traditioneller sozialer Institutionen und der mit diesen verbundenen normativen Muster. Dieser korrespondiert andererseits eine Zunahme von Möglichkeiten der individuellen Gestaltung des Lebenslaufs, die sich aber zugleich als Zwang zu eigenverantwortlicher Entscheidung erweisen.“[5]

Möglichkeit als Zwang: Der moderne Mensch hat immer weniger, woran er sich halten könnte, er muß sich überall selbst zurechtfinden. Allenthalben vermehren sich „die vorfindbaren Subkulturen, driften auseinander, zersplittern, differenzieren sich und verlieren immer mehr gemeinsame Werte und Nenner. Die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen wächst, und einst bindungsfähige Instanzen wie Religionen, Parteien und Ideologien verlieren an Bedeutung.“[6]   

 

Reichte es ehedem aus, wenn er keinen Fingerbreit von Gottes Wegen abwich, so irrt der Mensch heut auf eigne Faust durchs Leben; irrt und verirrt sich auch. Daß er immer wieder mal fremden Rat braucht, ist nicht mehr die Ausnahme, sondern gehört schon zur Regel.

Der Bedarf an Beratung wächst. Doch „mit der Generalisierung der Lebensrisiken werden zugleich die Problemlagen der einzelnen Menschen untypischer und folglich die benötigten Hilfen unspezifischer, so daß sich nichtmal mehr umrißhaft sagen läßt, welches Individuum ‚heil’ und welches ‚beschädigt’ ist. Hilfe muß sich deshalb wegbewegen von der reinen Defizitorientierung (geben, was fehlt) hin zu einer Stützung von Lebenszusammenhängen (‚Unterstützungsmanagement’), in der die eigenen Ressourcen aktiviert werden und tragende Beziehungsgeflechte entstehen oder sich erweitern: vom Fall zum Feld.

Der moderne Sozialarbeiter ist zuerst Vermittler von ‚Beziehungen’, also Unterstützungs- und Dialogmanager...

Soziale Arbeit zielt zuerst auf die Ressourcen im Feld (Netzwerke), danach vermittelt sie im gegebenen Fall die Individuen mit den dort vorhandenen Helfern, und erst in dritter Instanz bemüht sie professionelle Hilfe (Experten) für den Einzelfall.“[7]

gesellschaftliche Instanz

Die Sozialarbeit ist nicht aus Begriffen und theoretischen Systemen entstanden, sondern aus Problemen, die akut wurden und „sich zeigten“: nicht doktrinal, sondern ‚aporetisch’; nicht diskursiv, sondern pragmatisch. Ihre nachträglichen begrifflichen Systematisierungen entstanden immer erst aus dem Bedürfnis, die tatsächliche Praxis der Sozialarbeit zu rechtfertigen vor ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Inzwischen ist sie aber zu einem Industriezweig geworden, der Hunderttausenden ein Aus-, d. h. Einkommen gibt; aus öffentlichen Mitteln. Da geht es nicht länger an, daß sie gedanklich bei ihren Nachbarfächern zur Untermiete wohnt. Die Zeit für eine kohärente Selbstreflexion ist überreif. Statt auf Pump weiter zu wursteln, schuldet sie der Öffentlichkeit eine umfassende Ortsbestimmung im gesellschaftlichen Gefüge.

Daß sie es von allein bislang nicht dazu gebracht hat, liegt an ihrer Geschichte. Als marginaler Nothelfer unter obrigkeitlicher Prämisse hatte sie nur Löcher zu stopfen, und ihre Selbstzeugnisse waren buntscheckig wie ein Narrengewand. Ihre Stellungnahmen konnten punktuell bleiben – und negativ: Was nicht sein soll… Sie hatte ja per Definition mit Randgruppen zu tun und mit den Ausnahmefällen.

Doch heute ist sie keine Rand-Erscheinung mehr, sondern selbst eine Säule im gesellschaftlichen System – die Landnahme seit ‘68 und die Explosion der Stellenpläne sind der äußere Erweis. Da muß ihr Selbstverständnis allgemein werden und positiv: Was sie sein will.

In der informalisierten, individualisierten und pluralistischen Zivilisation heißt ihre Aufgabe eben nicht mehr: Menschen in eine wahre Ordnung fügen, sondern: ihnen auf ihrer Irrfahrt unter die Arme greifen. Statt normativ und interventionistisch, ist sie nurmehr regulativ und subsidiär. Aber sie ist nun auch nicht mehr residual und okkasionell, sondern allgemein und notwendig. In einer Wertordnung, die durch die freie Wahl der Lebensstile ausgezeichnet ist, gehört helfende Beratung unter die Bedingungen der Wahlfreiheit.

vermitteln

Die ‚entlastenden’ Institutionen der neo-modernen, neo-bürgerlichen Gesellschaft verlieren den traulichen Charakter von gemeinschaftsförmigen Sozialisations-Strukturen, an die man habituell heran-, in die man organisch hineinwächst, und mutieren zu – kommerziellen und öffentlichen – Vermittlungs-Agenturen, die die verlorenen Zusammenhänge ersetzen, indem sie die vereinzelten Individuen ‚bekannt machen’ mit den im aufgesplitterten ‚Feld’ verstreuten sachlichen und humanen Ressourcen. [8] Sie ‚entlasten’ die Menschen weiterhin – beim Gehen, aber nicht mehr bei der Wahl des rechten Weges im Wirrwarr der Welt. Das isolierte Individuum kann sich nur als „Ego-Netzwerker“ behaupten; und immer wieder gleiten dieser oder jenem die Fäden aus der Hand. 

 

Professioneller Rat wird nötig. Sache der Sozialarbeit ist nun „die Mobilisierung vorhandener Ressourcen im gegebenen (personalen) Netzwerk und andererseits die Schaffung neuer ergänzender Netzwerke durch formale Dienste und informelle Helfer“[9]. Der spezifische Dienst, den sie anbietet, ist – Vermittlung. Sie macht sich selbst mit Andern bekannt, um Andre miteiander bekannt zu machen.

Sozialarbeit wird zu einem Mitbewerber in der großen Dienstleistungsbranche der Berater. Als Anbieter auf dem Markt wird sie zu einem Organ der zivilen Gesellschaft. Sie hört auf, politisch zu sein. 
 
Ihre Aufgabe ist es nicht, der Gesellschaft den rechten Weg zu weisen, sondern die tatsächlichen Mutationsprozesse moderierend zu ‚begleiten’. Sie ist ‚parteilich’, denn sie dient aber den Privatleuten und nicht den Staatsbürgern.[10] Sie wird so zu einer Instanz gesellschaftlicher Selbstregulation: Energien, die sonst aneinander vorbeiliefen, ins Leere gingen und brachlägen, werden miteinander artikuliert und verbandelt; Kollisionen, in denen viel Energie verglüht, werden abgewendet, wo sie nicht nützen. Sie ist ein „Gelenkstück“[11], intermediär, informell und alltäglich. Oder, mit der Sprache der Kybernetik zu reden, ein Regler.[12]

Das kann auf Dauer nicht ohne Folgen für ihre institutionelle Verfassung bleiben, wenn anders sie nicht als ineffektiv und zu teuer aus dem Gesellschaftskörper ausgeschieden werden will. Denn wenn Soziale Arbeit die höhern Weihen der Wahren Ordnung verliert und zu einem innern Organ der zivilen Gesellschaft profaniert, darf diese gerechterweise die Frage stellen, ob sie sich jene leisten will. Also ob die von jener erbrachten Leistungen den mit ihr getriebenen Aufwand wert sind. 

der Wert der Sozialarbeit

Ja, was ist die Sozialarbeit denn „wert“? Dies ist ihr entscheidender Unterschied von anderen Dienstleistungen: daß die hier erbrachte Lohnarbeit nicht gegen Kapital ausgetauscht wird, sondern gegen Revenü – einen außerökonomischen (hier: politischen) Abzug vom Profit der andern.[13] Es gibt nur einen, monopolistischen Nachfrager nach Sozialarbeit, nämlich das (staatlich verfaßte) Gemeinwesen selbst. Es kauft nicht, wie der Kapitalist, die Arbeitskraft der Sozialarbeiter, um ihr Arbeitsprodukt an Dritte weiterzuverkaufen; sondern es heuert den Sozialarbeiter, um seine Leistung selber zu verbrauchen – d. h. unentgeltlich an seine bedürftigen Glieder weiterzureichen. Etwa so, wie ein Duodez-Fürst sich einen Hofpoeten hält, der für alle reimt. Der Anbieter – Sozialarbeiter, Träger, Initiativen – gibt es viele, aber nur einen möglichen Käufer: den – hier zutreffend so genannten – Souverän. Denn da er am Markt auf keinen Mitbewerber trifft, kann er den Preis je nach seiner fancy (Marx) ermessen; je nachdem, was sie ihm „wert“ ist. Eine prozessierende Reduktion des Preises der Sozialarbeit auf ihren Tauschwert findet – anders als bei solchen Dienstleistungen, die Kapital verwerten, welches seinerseits auf dem Markt konkurriert – auch mittelbar nicht statt.

Reduktion der Preise auf den Tauschwert, daß heißt Ermittlung der „gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit“ durch den Realprozeß der Zirkulation: Es muß sich – im ‚Spiel von Angebot und Nachfrage’ – herausstellen, wieviel der tatsächlich aufgewendeten Arbeitszeit ‚gesellschaftlich notwendig’ war, und das heißt a limite: ob sie überhaupt notwendig war.

Wenn es aber nur einen Nachfrager gibt, findet ein solches Spiel nicht statt. Wieviel von ihrem verfügbaren Arbeitszeitbudget eine Gesellschaft für Sozialarbeit „übrighat“, läßt sich nicht ex post im Verkehr Aller mit Allen (faktisch) ausmitteln, sondern immer nur ex ante (normativ) festlegen. Der „Wert der Sozialarbeit“ ist keine ökonomische, sondern, wer hätte das gedacht, eine politische Größe. 
 
kopernikanische Wende

Da wissen die Sozialarbeiter nicht mehr, woran sie sind. Eben machen sie sich, unter Schmerzen, daran, ihre pastoralen Prätentionen auf Missionierung und Gesellschaftsreform fahrenzulassen und sich zum dienenden Organ der zivilen Welt zu bescheiden; und gleich müssen sie sich sagen lassen, daß der Preis für ihre Mühen nichtsdestoweniger… politisch bemessen wird!

Ja wie denn nun?

 

Das Paradox, in das sie sich geworfen fühlen, ist dennoch bloßer Schein. Er entsteht nur, wenn es der Selbstreflexion an Radikalität fehlt, weil sie sich vor ihren Resultaten fürchtet.

Sie hatte sich – ewig maulend zwar, denn Klappern gehört zum Handwerk – im Schatten der Macht häuslich eingerichtet, von der sie selbst einen Zipfel in Händen halten durfte. Daß es Sache der Obrigkeit sei, für Richtigkeit zu sorgen, darüber war man ja einig. Wie Unrichtigkeit zu definieren; wo, wie groß und wie zahlreich die Löcher im „Netz der psychosozialen Versorgung“, und wie die Mittel zu bemessen seien, sie zu stopfen – darüber gab es immer wieder Streit. Denn da die einen immer wieder nur mehr haben wollten – mehr Geld, mehr Stellen, mehr Staat -, gewöhnten sich die andern endlich an, grundsätzlich weniger herauszurücken. Doch an der obrigkeitlichen Prämisse hielten sie beide fest: daß die Politik eine Instanz über der zivilen Gesellschaft zu sein habe, und nicht Organ in ihr. Daß also die Polis gleichzusetzen sei mit – ihren Bediensteten.[14]

In Wahrheit hat das Politische viele Stufen. Es beginnt überall dort, wo Öffentlichkeit entsteht, denn die bedeutet Reflexion und ist ein Einbruch in die Selbstverständlichkeit, welche ihrerseits das Unpolitische schlechthin darstellt. (Die systematische Scheidung unseres Lebens in einen öffentlichen und einen privaten Bereich ist eine der großen revolutionären Leistungen der bürgerlichen Gesellschaft.)

Verwaltungshandeln ist nur ein ganz untergeordneter Teil des Politischen, und je mehr es sich der Öffentlichkeit zu entziehen neigt, seine ständige Bedrohung. Staatliche Bürokratie ist ein Erbstück der absolutistischen Monarchien, die die Geltung des Öffentlich-Allgemeinen erst mit ihrer Hilfe gegen die partikularen Ansprüche der Feudalen erzwingen konnten – um sie dann gegen die bürgerliche Revolution zu wenden. Sie ist nicht die legitime Tochter, wie Max Weber meinen konnte,[15] der Warenproduktion und ihres Rationalisierungsgebots, sondern ein vorbürgerliches Residuum.

Sie zählt zu den unproduktiven faux frais der bürgerlichen Verkehrsweise, und hat nur als Polizeikorps jenseits der zivilen Gesellschaft Bestand. (Es fragt sich bloß, in wessen Auftrag – wenn nicht ihrem eigenen.)

So und nicht anders ist, unerachtet der subjektiven Intentionen ihrer Protagonisten, auch die soziale Arbeit entstanden. Es ist die kopernikanische Wende ihrer Geschichte, daß sie sich inzwischen als deren immanente Funktion neu bestimmt.

Politisierung des Alltags

Politisch ist nicht nur der Staat, und öffentlich ist nicht erst die Behörde. Überall, wo das Gemeinwesen als solches „in Erscheinung tritt“, geschieht Politisches.[16] Daß es dabei nicht mit einer, sondern zuerst immer mit vielen Stimmen redet, liegt in seiner Natur (oder etwa nicht?!). Dabei kann es nicht bleiben, gewiß, es muß sich, als Hoheit, zu einem handlungsfähigen Willen konstituieren – nämlich immer da, wo das Allgemeine mit Zwangsgewalt gegen das Partikulare zur Geltung gebracht werden muß; sonst nicht.

Sache der Sozialarbeit ist nun aber nicht mehr die Geltendmachung von Allgemeinem gegen die Privaten, sondern Mediation zwischen den Privaten (und den ‚Diensten’). Sie ist funktional, nicht (mehr) hoheitlich.

Dem entspricht, daß mit der „reflexiven Moderne“ der Risikogesellschaft[17] das Politische in den bürgerlichen Alltag selber eingekehrt ist. Die Konflikte innerhalb der zivilen Gesellschaft[18] werden zunehmend zwischen den Privaten (den diesbezüglich so genannten „Betroffenen“) selbst ausgehandelt – ohne den souveränen Eingriff des Staats, dessen Legitimität längst in Zweifel steht, denn „einerseits stirbt er ab, andererseits muß er neu erfunden werden“. Er stirbt ab – als besonderes Wesen, als Gebilde einer Souveränität und als hierarchischer Koordinator. Er muß neu erfunden werden: „An die Stelle des Handlungsstaats tritt der Verhandlungsstaat.“[19]

Wenn nun die zivile Gesellschaft selbst politisch wird, dann verlieren die konstituierten Korps der volonté générale ihre Sonderrolle, aus ihrer Stellung über dem und gegen den bürgerlichen Alltag sinken sie in ihn herab und lösen sich darin auf. „Der Staat muß Selbstbegrenzung, Selbstenthaltung praktizieren, Monopole aufgeben.“[20]

 Zum Beispiel in der sozialen Arbeit. So wie jener seine Rolle als ideeller Gesamt-Sozialarbeiter einbüßt, verliert diese ihre Sendung als der authentifizierte Gemeinsinn und ist nicht mehr politischer als irgendwer sonst. Sie hören auf, miteinander ein privilegiertes Verhältnis zu haben.

wer zahlt?

Bleibt immerhin die Frage: Wer zahlt?  

 

Jedenfalls nicht der Ratsuchende selbst. Denn das wäre widersinnig: Helfende Beratung würde zum Luxuskonsum für Besser- verdienende; eine Variante des Psycho-Booms. Eine allgemeine Dienstleistung kann sie nur sein, wenn die Eingangsschwellen niedrig sind: auch die finanziellen. Daß es Helfende Beratung gibt, ist im Ganzen eine Gemeinschaftsaufgabe.

Darum ist sie noch lange nicht Amtswaltung des Gemeinwesens am Einzelnen. Helfende Beratung kommt durch Vertrag zustande, nicht als Maßnahme. Unser Rechtssystem beruht darauf, daß keiner ohne rechtlichen Beistand bleibt, wenn er ihn braucht. Deshalb gibt es kommunale Rechtsberatung und das Armenrecht. Daß es sie gibt, liegt im öffentlichen Interesse.

Daß die Menschen gesund und leistungsfähig bleiben, liegt im öffentlichen Interesse. Deshalb gibt es ein öffentlich verfaßtes Gesundheitssystem. So umstritten seine Kosten immer wieder sind: Daß es sich um Dienstleistungen an Privatleuten handelt und nicht um Vollstreckung eines Staatszwecks, das hat noch keiner in Frage gestellt.

Und daß zum Setzen der fachlichen Maßstäbe letzten Endes die jeweilige Fachwelt – der Juristen hier, der Mediziner dort – immer noch am ehesten qualifiziert ist, auch nicht.

Was wäre also daran paradox, wenn die Existenz eines Systems Helfender Beratung durch das Gemeinwesen finanziert, seine Wirkweise aber privat verfaßt wäre? Es ist der Dünkel des öffentlichen Dienstes ebenso wie der Geltungsdrang manchen Sozialarbeiters, der hier eine Denkhemmung aufbaut; nicht der gesunde Menschenverstand.

Daß Helfende Beratung nicht in den öffentlichen Dienst gehört, hat seine sozusagen ‚technologischen’ und ‚ergonomischen’ Gründe: Der Charakter der Tätigkeit selbst – erraten, erfinden, verlocken, präsentieren, simulieren – hat mehr mit Kunst zu tun als mit Ordnung.[21] Aber darin kommt nur zum Ausdruck, daß sie ihrer Ortsbestimmung nach nicht mehr Hoheit ist, sondern Medium gesellschaftlicher Selbstorganisation.

Daß sie es ist, liegt im Interesse des Gemeinwesens. Um es zu sein, dient sie nicht jenem, sondern den Privatleuten.

Doch mit der Frage, wer zahlt, erledigt sich nicht die Frage, was es kostet. Wieviel und welche Art sozialer Arbeit eine Gesellschaft nötig zu haben meint und was sie ihr wert ist, ist eine politische Frage. Aber nicht nur. Es ist auch eine fachliche Frage; sobald es nämlich um die Qualitätskriterien geht. Und darüber entscheidet am besten die Fachwelt selbst, nicht die konstituierten politischen Korps.

Darüber, wieviel das Gemeinwesen für soziale Arbeit ausgibt, sollte die Sozialarbeit besser nicht mitreden wollen: in wessen Namen wohl? Auch nicht darüber, wie das Geld verteilt wird: Das gibt nur Zank. Aber die fachlichen Maßstäbe, nach denen der Hoheitsträger über die Verteilung öffentlicher Mittel entscheidet, die kann nur sie setzen und kein anderer.

Dazu freilich müßte sie mit einer Stimme reden. Das heißt, sie müßte sich selbst repräsentieren können. Also sich selbst verfassen: repräsentativ heißt öffentlich (nach innen wie nach außen).

Als wir vor drei Jahren der Fachwelt unsern Vorschlag zur Selbstorganisation der Sozialarbeit in einer öffentlich-rechtlichen Kammer vortrugen,[22] da wurde er mit ohrenbetäubendem Schweigen begrüßt.

Dabei ist es bis heut geblieben. Kein Wunder: Weder die Verwaltung hätte einen Vorteil davon, noch die „Betroffenen“ selbst. Der Vorteil läge ganz und gar beim… Gemeinwesen. – Vielleicht liegt hier eine dankbare Aufgabe für die akademischen Vertreter unseres Fachs? Dann wüßten sie auch endlich, wo sie hingehören.

Daß eine gründliche Umordnung der sozialen Arbeit auf der Tagesordnung steht, ist außer Frage. Es kann ja sein, daß unser Vorschlag zur „Verkammerung“ der Weisheit letzter Schluß nicht war. Aber ein anderer ist bislang nicht gemacht worden. Wie wärs, wenn die Debatte sich wenigstens auf das Niveau erheben würde, das heute schon möglich ist?


[1] Gehlen, A., Urmensch und Spätkultur, Ffm 1977, S. 43 
[2] so in der amerikanischen Erklärung der Menschenrechte 
[3] Ein letztes Aufbegehren des Kümmer-Prinzips in der Sozialarbeit war der missionarisch-agitatorische Gestus der 68er: Sogenannte Randgruppen sollten emanzipiert werden. Aber in der individualisierten Risikogesellschaft läßt sich jede willkrlich herausgegriffene Menschenmenge ‚irgendwie’ als Randgruppe definieren. Der emanzipatorische Anspruch entpuppt sich so als Vehikel berufsständischer Landnahme. 
[4] „Wenn man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man sich befindet.“ Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Ffm 1987, S. 188 
[5] aus Winkler, M., Stellungnahme zur Konzeption eines Verbundes von Kinderhäusern im Berliner Raum (unveröffentlicht
[6]Hinte, W., Die mit den Wölfen tanzen, in Sozial Extra 7-8/93 
[7] aus Hinte, W., Gutachterliche Stellungnahme zum Kinderhaus in Berlin-Friedrichshain (unveröffentlicht) 
[8] krassestes Beispiel : die Entwicklung der Schule von der Charakter- und Status-Schmiede zu ‚Informations’-Börse und zu ‚Verhaltens’-Studio 
[9]vgl. Nowak, J., Computerunterstützte Netzwerkarbeit als Case Management – Sozialarbeit in einer sich zerfasernden Gesellschaft, in Soziale Arbeit 3/90. 
[10] Ja, als eine der Bedingungen persönlicher Wahlfreiheit setzt sie manche Menschen erst instand, Staatsbürger zu werden; vgl. hierzu den Abschnitt Wahlfreiheit und Sozialstaat in unserm Beitrag Das Kinderhaus – Modell für die Sozialarbeit der Zukunft in ‚Jugendhilfe’ (Luchterhand) 2/92
[11] siehe Fußn. 6)
[12] vgl. Wiener, N., Kybernetik, Reinbek 1968 
[13] vgl. Marx, K., Marx-Engels-Werke, Bd. 42, Bln 1983; S. 226ff 
[14] Die bekannte Definition des Staates als eine „Ansammlung bewaffneter Menschen“ war kritisch gemeint; aber die Nutznießer nehmen sie positiv: Der Staat sind wir. 
[15]Weber, M., Wirtschaft und Gesellschaft, Tbgn. 51972, v. a. S. 551ff. – Auch in der großen Industrie sind Bürokratismus, Hierarchie, Kästchendenken und lineare Entscheidungsprozesse Anachronismen aus deren Frühzeit: siehe unsern Beitrag Eine Steinzeit-Technologie? in Sozial Extra, 7-8/93. – Die bürokratische Konterrevolution im jungen Sowjetstaat wurzelte ihrerseits in dessen Herkunft aus einer vorbürgerlichen Gesellschaft, nicht in bürgerlicher Digression; sonst sähe es in Rußland heute anders aus. 
[16] Die Definition des Politischen durch Bezugnahme auf den Klassenkampf war nur haltbar unter der logischen Prämisse, daß wir in der Epoche der Weltrevolution lebten. Diese ist jedoch seit den Ereignissen der Jahre 1989-90 hinfällig. 
[17] Beck, U., Die Erfindung des Politischen, Ffm 1993, S. 214ff und pass. 
[18] Als zivil verstehen wir alle, die nur sich selbst repräsentieren und gegen andere kein Amt in Anspruch nehmen; politisch werden die Einzelnen immer dann, wenn viele ‚sich selbst’ gemeinsam und gegenseitig repräsentieren. Die moderne Staatsidee beruht auf der Vorstellung, daß sich alle Einzelnen vertraglich gegeneinander verpflichtet hätten. Das Politische und das Zivile sind also nicht substanziell, sondern nur verhältnismäßig verschieden; nämlich nach dem Grad der Stellvertretung. 

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