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Mittwoch, 14. März 2018

Taugt Streetwork?


So zweckmäßig eine solche Untersuchung wäre, so unzweckmäßig scheint die Herangehensweise des österreichischen Instituts. Sie scheinen die Wirkung von Streetwork - 'aufsuchende Jugendsozialarbeit' im Berliner Behördendeutsch - als eine Summe linear-kausaler Einzelwirkungen aufzufassen, was aller- dings so erfolgversprechend ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen; und man kann nur hoffen, dass die österreichischen Streetworker selber eine professionellere Auffassung von ihrer Arbeit haben.

Streetwork kann (auf die Dauer) überhaupt nur nützen, wenn sie von Anfang an systemisch aufgefasst wird und eben nicht an ihren Ergebnissen in soundsoviel Einzelfällen, sondern an ihrer Wirkung auf das jewei- lige soziale Feld gemessen wird. Sie muss sich zu einer sozialräumlichen Instanz entwickeln können, deren Präsenz zu einer selbstverständlichen Prämisse für jedermanns private Lebensführung wird; etwas, worauf man in jedem (nicht erst äußersten) Fall rechnen kann - und sei es ohne dass sie tatsächlich in An- spruch genommen wird! Ihre Gegenwart hätte (im Detail) nachträglich manch individuelle Konsequenz im Einzelfall, aber (en gros) vor allem eine vorab  regulative Wirkung fürs Gemeinwesen.

Mit andern Worten, Streetwork darf nicht nur "unter anderm auch", sondern muss zuerst und vor allem präven- tiv aufgefasst werden. Und so etwas lässt sich nur über einen längeren Zeitraum und mit den quan- tifizierenden Methoden der Soziologen nachweisen. Ohne Vertrauensvorschuss braucht man da gar nicht erst anzufangen, das geht garantiert ins Auge.

Dienstag, 13. März 2018

Behördenbashing...

Strafprozess wegen Kindesmisshandlung

Mit kühlem Kopf und Augenmaß - das kann in solchen Fällen immer nur auf Trivialitäten hinauslaufen: "Man muss immer den einzelnen Fall ansehen, Pauschalurteile helfen nicht weiter." Das klingt maßlos fehl am Platz, wenn sich die Hiobsbotschaften mal wieder gehäuft haben. Die Behörde wird ja wohl versagt haben, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Aber die Behörde hat's auch schwer, sagen die Ämterversteher und ihre Berufsvertretungen.

Und mein Gott, beide haben sie Recht. Auf welche Seite man sich schlägt, hängt zuerst einmal davon ab, welches Vor-Urteil man bereits mitbringt. Ist man der Meinung, das Jugendamt sei in erster Linie Kontrolleur, der dar- auf zu achten hat, dass alles in Ordnung ist, so wird man zu dem Urteil neigen, "da hätten viel früher schon die Alarmglocken schrillen müssen". Ist man dagegen der Auffassung, das Jugendamt habe wie jeder Sozialarbeiter den Auftrag, aus der gegebenen Situation das für alle Beteiligten jeweils Bestmögliche heraus- zuholen, wird man sagen: Ja, dieser Versuch musste auch noch gewagt werden, nur wer kein Risiko eingeht, macht keine Fehler - aber als Sozialarbeiter ist er selber ein Fehler.
 

Und ob Sie eines dieser beiden Vor-Urteile wählen oder nicht, liegt nicht in Ihrem Ermessen. Die Doppelnatur des Jugendamts als Behörde und als Helfender Berater lässt Ihnen gar keinen Spielraum.
 

Nicht, dass es bei einer längst fälligen Entmischung der beiden Funktionen keine Tragödien mehr geben würde. Nicht, dass es keine Fehleinschätzungen und keine Verantwortungslosigkeiten mehr geben würde. Nicht, dass es keine Sturheit und kein Schema F mehr geben würde! Aber man könnte sie leichter identifizieren, beim Namen nennen und - nun ja, Rechenschaft fordern. Und was viel wichtiger ist: Die, die es angeht, könnten, dürften, müssten sicherer sein, dass es auf sie ankommt.
 

Wer einmal in einer Behörde zu tun hatte, wird wissen, welchen Unterschied sowas ausmacht. Denn dann könnte jeder Einzelfall wirklich als Einzelfall erörtert werden,

21. 12. 14

Montag, 12. März 2018

Der Verfall eines Berufsbilds.


So ist es: Nicht 'die Gesellschaft' erwartet zuviel von den Sozialarbeitern, nicht die Sozialarbeiter erwarten zuviel von sich, sondern die Sozialarbeiter erwarten zuviel von ihrem Beruf.

Freudenbergers Diagnose datiert von 1974? Da war die Zunft noch neu und jung, da gab es ganz sicher eine Menge Leute, die von sich selbst "zu viel" erwarteten - in Amerika wie bei uns: Die dachten noch, es wäre ganz besonders an ihnen, die Welt zu verändern, und in Amerika sicher viel naiver als in Old Europe. Aber auch bei uns kamen sich die Sozialarbeiter, die eben erst diese Berufsbezeichnung und kaum noch ein Gra- duiertendiplom errungen hatte, wie Pioniere und Avantgardisten vor. Das waren Leute, die sich auf ein ganz neues Terrain vorgewagt hatten, die noch selbst erkunden mussten, in welchem Land sie überhaupt gelandet waren, und die sich zu Recht für Kreative und ein bisschen, nein sogar sehr auch für Künstler hielten - im vollen Bewusstsein, bei einer unglücklichen Wendung der Umstände auch scheitern zu können.*

Heute ist Sozialarbeit - "Sozialpädagogik" schon gar - ein Öffentlicher Dienst wie alle andern, nein, gar mehr als alle andern, und waren sie in den Pionierjahren allgemein bestaunt und bewundert und wegen ihres Idealismus' natürlich auch ein wenig belächelt, so ziehe ich es heute vor, meinen (früheren) Beruf zu verheimlichen, so sehr wird er inzwischen verachtet. Und sie geben mehr und schrillere Töne an als je zuvor. Bescheidenheit ist ihre Zier nicht, doch das erwartet auch schon keiner mehr von ihnen. Sie dümpeln in routiniertem Schlendrian und geben an wie ein Sack voll Flöhen. 

Es gibt ihrer viel zu viele. Professionell qualifizieren ließe sich ihr Beruf nur durch strenge personale Ökonomie - doch auch gesellschaftlich und sogar pekuniär aufwerten. Aber meinen Sie, dafür fänden Sie unter ihnen Sympathie - und Bereitschaft zu einem neuen Aufbruch? "Das ist ja wohl das Letzte!"

Kein Wunder, dass in ihrem Berufsbild der Burnout ganz obenan steht, und fast möchte man es ihnen, wenn es nicht auf Kosten der Steuerzahler und der Klienten ginge, gönnen.

*) Haltet mal schön die Füße still, von mir rede ich ja nicht, damals gehörte ich noch gar nicht dazu. Ich rede von meinen Freunden und Bekannten.

19. 5. 15

Sonntag, 11. März 2018

"Sie wissen doch, wie das System funktioniert!"

Tinguely

... Das ist wie mit dem schlechten Ruf des Öffentlichen Dienstes: Es ist gar nicht nötig und es ist ja wahr-  scheinlich gar nicht mal der Fall, dass "alle so sind". Es kommt drauf an, wer in der Behörde oder im Milieu den Ton angibt. Da geht es nicht nur darum, wer öfter und wer seltener, wer lauter oder leiser das Wort ergreift, sondern wie das Umfeld resonniert, und da mag das Ganze wirklich mehr oder ganz was anderes sein als die Summe seiner Teile.

Es hat also ein bisschen was für sich, wenn jeder einzelne - in der Behörde oder im Wildwuchs der Praktiker - sagt: An mir liegt's nicht! Was hab ich nicht alles versucht, aber man läuft ja überall gegen Wattewände. Man kann gar nix machen. - Eine der Leitenden Beamtinnen, die seinerzeit mein Kinderhaus in die Pleite getrieben haben, sagte mir damals: "Herr E., Sie wissen doch, wie das System funktioniert!" Ich habe geantwortet: In all den Jahren ist mir hier auf Ihren Fluren ein System nie begegnet. Ich habe immer nur einzelne Beamte getroffen, die dieses getan und jenes nicht getan haben. Es gibt gar kein System.

Wenn sie nämlich alle sagen: An mir liegt's nicht, dass es so ist, haben sie nur zum Teil Recht. Zum anderen, wichtigeren Teil muss man sagen: Aber an dir liegt's, wenn es nicht anders wird. Wer soll's denn anders machen, wenn nicht du? Wenn alle sagen, an mir liegt's nicht...

Das ist banal, sagen Sie? Wir sind hier in Deutschland, hier ist das nicht banal. Man konnte als Einzelner ja nichts machen, sollte ich allein den Kopf hinhalten? - So weit ins Detail gingen die meisten gar nicht; die sagten schlicht, ich habe nur Befehle ausgeführt.

Mit andern Worten, für Zynismus und Schlendrian gibt es tausend Ausreden und keine Rechtfertigung.

5. 2. 2016 


Samstag, 10. März 2018

Liegt's am Beruf oder an den*innen, die ihn wählen?

aus einem Kommentar: Wer hätte das gedacht! 

Ich habe gut drei Jahrzehnte lang selber in dieser Branche gearbeitet. Ich habe immer, von Jahr zu Jahr, gehört, die Belastungen nähmen zu, die Fälle würden immer schwerer, wir bräuchten dringend mehr Personal. Ich habe nie gehört, dieses Jahr sei mal irgendetwas besser geworden, die Fälle nicht mehr ganz so schwer, mit dem Personal käme man endlich mal aus. 

Die Böckler-Stiftung hat auch keine irgendwie objektivierbare empirische Untersuchung in Auftrag gegeben, sondern hat Betroffene danach gefragt, wie sie sich fühlen. Und siehe da - sie fühlen sich nicht gut, und so wird es schon seit hundert Jahren sein: So lange gibt es diesen Beruf nämlich. Und wenn sie alle Jahr für Jahr immer Recht gehabt haben in ihrem Empfinden und es doch heute grad eben noch er- träglich ist - dann muss das ja am Anfang die reinste Idylle gewesen sein vor hundert Jahren; und dann können sie damals nicht Recht gehabt haben!

Aber wenn damals nicht, wieso dann heute?

Der Haken ist eben der: Das ist alles gar nicht objektivierbar! Nicht einmal, wenn die Gruppenstärken her- aufgesetzt werden - es gab Zeiten, da wurden sie gesenkt, hat man damals nicht geklagt? -, bedeutet das zwingend, dass die Belastung größer würde. Kann sein und ist im statistischen Durchschnitt vielleicht sogar wahrscheinlich; muss aber ganz und gar nicht sein, die Gruppenstärke ist kein unabhängiger Parameter, da kommt vieles andere mit ins Spiel. 

Und wenn das schon seit hundert Jahren so geht, dann liegt die Frage nahe: Liegt es vielleicht am Charak- ter dieser Berufe selbst, dass die, die ihn ausüben, ständig klagen müssen? Oder liegt es am Charakter de- rer, die sie wählen?

3. 6. 15

Freitag, 9. März 2018

Nachwort zum Schlusswort...

...das eigentlich ein Vorwort war:

n3po                                                                           aus Wildwuchs in der Jugendhilfe

Der von so manchen Jugendämtern fröhlich aufgegriffene Vorschlag der Sozialraumbudgets, der den Ge- danken der Neuordnung der Sozialarbeit nach Feld-Gesichtspunkten auf lange Zeit nachhaltig kompromit- tiert haben dürfte, ging ja, das muss man gerechterweise sagen, auf ein ehrenwertes fachliches Motiv zu- rück: Es war die Sorge um den Erhalt der professionellen Standards zu Zeiten knapper Kassen, und der Hintergrund war eben - der besagte Wildwuchs, der seit Jahrzehnten auch bei uns, sicher viel stärker noch als in Österreich, um sich gegriffen hat. 

Den Anfang machten die Antiautoritären Kinderläden ab Mitte der sechziger Jahre, da war Pioniergeist und Idealismus, und es brauchte einige Zeit und Agitation, bis überhaupt die ersten öffentlichen Groschen locker gemacht werden konnten. Es war immer noch viel Abenteuer dabei, und für Leute, die ne ruhige Kugel schieben wollten, war es nix. - Ich kürze ab: Für die wurde es was in den siebziger Jahren, als die Fördermittel sprudelten, weil Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit in den oberen Etagen der Verwaltung als frischer Wind wahrgenommen wurden und weil... man bemerkte, dass privates Engagement die öffentlichen Haushalte entlasten kann. Und so kam es, dass auch bei uns - will mir da einer ehrlichen Herzens widersprechen? - Leute "mit falscher Motivation" angelockt wurden. Sicher waren die Stellen, solange man sich bei den internen Intrigen auf der richtigen Seite hielt, fast so wie im öffentlichen Dienst und die Kugeln womöglich noch ruhiger, und vor allem: Da war keiner, der einem fachlich auf die Finger sah.

Das ist aber im privaten wie im öffentlichen Bereich das größte Problem. Professionell störend sind die Ämter in der Kinder- und Jugendhilfe nicht, weil sie kontrollieren, sondern weil sie professionell gar nicht kontrollieren können, sondern sich mit pauschaler präventiver Schikane begnügen müssen; und im Einzelfall dann "auch mal ein Auge zudrücken"! Das Problem ist für die Praktiker nicht, wenn es ihnen auch so vorkommen mag, dass es zuviel Kontrolle gäbe, sondern dass es zuwenig fachliche Kontrolle gibt.

Ins Auge springt das, seit die Fördermittel immer spärlicher tröpfeln. Wie im Artikel nur schamhaft angedeutet, setzte innerhalb des Wildwuchses eine Preiskonkurrenz ein, und die Ämter neigten unterm sanften Druck der Stadtkämmerer dazu, die billigsten Angebote vorzuziehen. Dagegen, wurde mir damals versichert, sollten die Sozialraumbudgets ein Bollwerk schaffen. Es sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die - oben so genannten - Schwarzen Schafe auszusondern.

Dass das wünschenswert wäre  - wer, der die Branche kennt, würde das bestreiten? Dass dafür die Jugendämter die am besten geeignete Instanz wäre - wer, der die Branche kennt, kann auf diese Schnapsidee kommen!

* 

Der Wildwuchs hat das öffentliche Standing der Sozialpädagogik bis auf die Knochen ruiniert. Als in den sechziger Jahren die Pioniere daran gingen, dieses Berufsbild überhaupt erst zu schaffen, da war die allgemeine Reaktion von Müller und Meier: Hut ab, die traun sich was. Heute tut ein Sozialpädagoge gut daran, in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis seinen Beruf zu verschweigen, weil sonst alle denken: Tagedieb mit großem Maul.

Das ist wie mit dem schlechten Ruf des Öffentlichen Dienstes: Es ist gar nicht nötig und es ist ja wahr-  scheinlich gar nicht mal der Fall, dass "alle so sind". Es kommt drauf an, wer in der Behörde oder im Milieu den Ton angibt. Da geht es nicht nur darum, wer öfter und wer seltener, wer lauter oder leiser das Wort ergreift, sondern wie das Umfeld resonniert, und da mag das Ganze wirklich mehr oder ganz was anderes sein als die Summe seiner Teile.

Es hat also ein bisschen was für sich, wenn jeder einzelne - in der Behörde oder im Wildwuchs der Praktiker - sagt: An mir liegt's nicht! Was hab ich nicht alles versucht, aber man läuft ja überall gegen Wattewände. Man kann gar nix machen. - Eine der Leitenden Beamtinnen, die seinerzeit mein Kinderhaus in die Pleite getrieben haben, sagte mir damals: "Herr E., Sie wissen doch, wie das System funktioniert!" Ich habe geantwortet: In all den Jahren ist mir hier auf Ihren Fluren ein System nie begegnet. Ich habe immer nur einzelne Beamte getroffen, die dieses getan und jenes nicht getan haben. Es gibt gar kein System.

Wenn sie nämlich alle sagen: An mir liegt's nicht, dass es so ist, haben sie nur zum Teil Recht. Zum anderen, wichtigeren Teil muss man sagen: Aber an dir liegt's, wenn es nicht anders wird. Wer soll's denn anders machen, wenn nicht du? Wenn alle sagen, an mir liegt's nicht...

Das ist banal, sagen Sie? Wir sind hier in Deutschland, hier ist das nicht banal. Man konnte als Einzelner ja nichts machen, sollte ich allein den Kopf hinhalten? - So weit ins Detail gingen die meisten gar nicht; die sagten schlicht, ich habe nur Befehle ausgeführt.

Mit andern Worten, für Zynismus und Schlendrian gibt es tausend Ausreden und keine Rechtfertigung.

5. 2. 2016 



Dienstag, 6. März 2018

Alter Hut passt wie neu: Vom Fall zum Feld.

Eine kopernikanische Wende



oder:
Vom Ordnungsdienst zur Vermittlungsagentur

aus Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 7/1994
hoheitliche Normen
 
Es gab eine Zeit, da stand es fest, wie die Welt beschaffen ist, und daß sie so zu bleiben hat. Ihr Sein war auch schon ihr Sollen. Es war klar, was die Regel war und was die Ausnahme, was Gesetz und was Abweichung, was normal war und was unnormal; und darüber, daß es weiterhin klar bliebe, wachten geistliche und weltliche Hoheiten, denn dafür waren sie da. Zwar ist die Welt in ihrer Wirklichkeit noch niemals heil gewesen, und ob das, was Pfaffen, Ärzte und Polizisten jeweils für die Regel hielten, von den Statistikern auch als gesellschaftlicher Durchschnitt wiedererkannt worden wäre, ist eine Frage für sich.

Doch für die gesellschaftliche Normalität ist weniger entscheidend, ob sie ist, als daß sie gilt.

Die mentale Verfassung eines Gemeinwesens ist für die Individuen, die es ausmachen, selber eine objektive Gegebenheit. Sie besteht nicht bloß – gedacht – in den Köpfen, sondern – real – in Raum und Zeit: in Gestalt der Institutionen.

Der Sinn unserer Institutionen liegt, nach Arnold Gehlens klassischer Definition,[1] der Entlastung der „instinktentbundenen“ menschlichen Individuen von „zuviel Unterscheidungs- und Entscheidungsdruck“ in einem stets unübersichtlicheren, immer ‘offeneren’ Universum.

Die sozialen Dienste sind solche Institutionen, und die Professionellen, die darin arbeiten, sind vergesellschaftete Wesen. In einem Gemeinwesen, das sich als endgültig vorkommt, ist der Staat Hoheit, die dem, der in die Irre geht, den rechten Weg weist; die ihn „ins Gemeinwesen (re-) integriert“. Er ist hier – Vater, und in gütiger Strenge kümmert er sich um die Seinen. Unter solchen Prämissen ist die Sozialarbeit, sie mag wollen oder nicht, selbst hoheitlicher und normativer Ordnungsdienst. 

Die moderne Gesellschaft versteht sich – weil sie Verkehrs- und Leistungsverhältnis ist – nicht als Familie noch als Topos in einem Heilsgeschehen, sondern als nützliche Einrichtung, die die Unendlichkeit der Warenflüsse wahrt. Als Zirkulationsprozeß ist sie wesentlich eine Open-end-Veranstaltung. Folgerichtig verheißt sie ihren Teilhabern auch nicht Happiness, sondern lediglich the Pursuit Of…[2]


Sie ist Gesellschaft, nicht Gemeinschaft.


Gegen die geweihten Ordnungen einer seelenvollen Vergangenheit nimmt sie sich kalt und kärglich aus. Dabei ist sie das heroische Zeitalter; denn sie hat den Menschen auf seine eignen Füße gestellt und uns zur Freiheit verurteilt.
 

In aller Konsequenz erleben wir es erst jetzt. Individualisierung, Differenzierung, Pluralisierung bedeuten eine Informalisierung der Verkehrsformen, wo alles immer wieder neu ausgehandelt werden muß. Was Ausnahme ist und was Regel, wer kann es noch sagen? Es ist keine Frage der richtigen Lehre mehr, sondern eine praktische Evidenz: Selbst wenn sie es wollte, die Sozialarbeit kann gar nicht mehr normativ sein – weil die verbindlichen Normen fehlen.[3] Nichts ist mehr selbstverständlich.
 

Neomoderne

Dieser Verlust der Selbstverständlichkeiten ist in den Sozialwissenschaften unter dem Stichwort „Modernisierung moderner Gesellschaften“ thematisiert und in der Öffentlichkeit vornehmlich durch die von Jürgen Habermas entwickelte Formel von der „neuen Unübersichtlichkeit“, dann durch den von Ulrich Beck geprägten Begriff der „Risikogesellschaft“ bekanntgeworden. Damit ist ein säkularer Prozeß bezeichnet, der mehr oder weniger alle industriellen Gesellschaften erfaßt und durch seine grundlegende Ambivalenz geprägt ist: „nämlich einerseits eine rasch voranschreitende Erosion traditioneller sozialer Institutionen und der mit diesen verbundenen normativen Muster. Dieser korrespondiert andererseits eine Zunahme von Möglichkeiten der individuellen Gestaltung des Lebenslaufs, die sich aber zugleich als Zwang zu eigenverantwortlicher Entscheidung erweisen.“[5]
 

Möglichkeit als Zwang: Der moderne Mensch hat immer weniger, woran er sich halten könnte, er muß sich überall selbst zurechtfinden. Allenthalben vermehren sich „die vorfindbaren Subkulturen, driften auseinander, zersplittern, differenzieren sich und verlieren immer mehr gemeinsame Werte und Nenner. Die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen wächst, und einst bindungsfähige Instanzen wie Religionen, Parteien und Ideologien verlieren an Bedeutung.“[6]

   

Reichte es ehedem aus, wenn er keinen Fingerbreit von Gottes Wegen abwich, so irrt der Mensch heut auf eigne Faust durchs Leben; irrt und verirrt sich auch. Daß er immer wieder mal fremden Rat braucht, ist nicht mehr die Ausnahme, sondern gehört schon zur Regel.

Der Bedarf an Beratung wächst. Doch „mit der Generalisierung der Lebensrisiken werden zugleich die Problemlagen der einzelnen Menschen untypischer und folglich die benötigten Hilfen unspezifischer, so daß sich nichtmal mehr umrißhaft sagen läßt, welches Individuum ‚heil’ und welches ‚beschädigt’ ist.  Hilfe muß sich deshalb wegbewegen von der reinen Defizitorientierung (geben, was fehlt) hin zu einer Stützung von Lebenszusammenhängen (‚Unterstützungsmanagement’), in der die eigenen Ressourcen aktiviert werden und tragende Beziehungsgeflechte entstehen oder sich erweitern: vom Fall zum Feld.
 

Der moderne Sozialarbeiter ist zuerst Vermittler von ‚Beziehungen’, also Unterstützungs- und Dialogmanager...

Soziale Arbeit zielt zuerst auf die Ressourcen im Feld (Netzwerke), danach vermittelt sie im gegebenen Fall die Individuen mit den dort vorhandenen Helfern, und erst in dritter Instanz bemüht sie professionelle Hilfe (Experten) für den Einzelfall.“[7]


 gesellschaftliche Instanz

Die Sozialarbeit ist nicht aus Begriffen und theoretischen Systemen entstanden, sondern aus Problemen, die akut wurden und „sich zeigten“: nicht doktrinal, sondern ‚aporetisch’; nicht diskursiv, sondern pragmatisch. Ihre nachträglichen begrifflichen Systematisierungen entstanden immer erst aus dem Bedürfnis, die tatsächliche Praxis der Sozialarbeit zu rechtfertigen vor ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen.


Inzwischen ist sie aber zu einem Industriezweig geworden, der Hunderttausenden ein Aus-, d. h. Einkommen gibt; aus öffentlichen Mitteln. Da geht es nicht länger an, daß sie gedanklich bei ihren Nachbarfächern zur Untermiete wohnt. Die Zeit für eine kohärente Selbstreflexion ist überreif. Statt auf Pump weiter zu wursteln, schuldet sie der Öffentlichkeit eine umfassende Ortsbestimmung im gesellschaftlichen Gefüge.

Daß sie es von allein bislang nicht dazu gebracht hat, liegt an ihrer Geschichte. Als marginaler Nothelfer unter obrigkeitlicher Prämisse hatte sie nur Löcher zu stopfen, und ihre Selbstzeugnisse waren buntscheckig wie ein Narrengewand. Ihre Stellungnahmen konnten punktuell bleiben – und negativ: Was nicht sein soll… Sie hatte ja per Definition mit Randgruppen zu tun und mit den Ausnahmefällen.

Doch heute ist sie keine Rand-Erscheinung mehr, sondern selbst eine Säule im gesellschaftlichen System – die Landnahme seit ‘68 und die Explosion der Stellenpläne sind der äußere Erweis. Da muß ihr Selbstverständnis allgemein werden und positiv: Was sie sein will. 

In der informalisierten, individualisierten und pluralistischen Zivilisation heißt ihre Aufgabe eben nicht mehr: Menschen in eine wahre Ordnung fügen, sondern: ihnen auf ihrer Irrfahrt unter die Arme greifen. Statt normativ und interventionistisch, ist sie nurmehr regulativ und subsidiär. Aber sie ist nun auch nicht mehr residual und okkasionell, sondern allgemein und notwendig. In einer Wertordnung, die durch die freie Wahl der Lebensstile ausgezeichnet ist, gehört helfende Beratung unter die Bedingungen der Wahlfreiheit. 

Die ‚entlastenden’ Institutionen der neo-modernen, neo-bürgerlichen Gesellschaft verlieren den traulichen Charakter von gemeinschaftsförmigen Sozialisations-Strukturen, an die man habituell heran-, in die man organisch hineinwächst, und mutieren zu – kommerziellen und öffentlichen – Vermittlungs-Agenturen, die die verlorenen Zusammenhänge ersetzen, indem sie die vereinzelten Individuen ‚bekannt machen’ mit den im aufgesplitterten ‚Feld’ verstreuten sachlichen und humanen Ressourcen. [8] Sie ‚entlasten’ die Menschen weiterhin – beim Gehen, aber nicht mehr bei der Wahl des rechten Weges im Wirrwarr der Welt. Das isolierte Individuum kann sich nur als „Ego-Netzwerker“ behaupten; und immer wieder gleiten dieser oder jenem die Fäden aus der Hand.
 

Professioneller Rat wird nötig. Sache der Sozialarbeit ist nun „die Mobilisierung vorhandener Ressourcen im gegebenen (personalen) Netzwerk und andererseits die Schaffung neuer ergänzender Netzwerke durch formale Dienste und informelle Helfer“[9]. Der spezifische Dienst, den sie anbietet, ist – Vermittlung. Sie macht sich selbst mit Andern bekannt, um Andre miteiander bekannt zu machen.

Sozialarbeit wird zu einem Mitbewerber in der großen Dienstleistungsbranche der Berater. Als Anbieter auf dem Markt wird sie zu einem Organ der zivilen Gesellschaft. Sie hört auf, politisch zu sein. 

Ihre Aufgabe ist es nicht, der Gesellschaft den rechten Weg zu weisen, sondern die tatsächlichen Mutationsprozesse moderierend zu ‚begleiten’. Sie ist ‚parteilich’, denn sie dient aber den Privatleuten und nicht den Staatsbürgern.[10] Sie wird so zu einer Instanz gesellschaftlicher Selbstregulation: Energien, die sonst aneinander vorbeiliefen, ins Leere gingen und brachlägen, werden miteinander artikuliert und verbandelt; Kollisionen, in denen viel Energie verglüht, werden abgewendet, wo sie nicht nützen. Sie ist ein „Gelenkstück“[11], intermediär, informell und alltäglich. Oder, mit der Sprache der Kybernetik zu reden, ein Regler.[12] 
 

Das kann auf Dauer nicht ohne Folgen für ihre institutionelle Verfassung bleiben, wenn anders sie nicht als ineffektiv und zu teuer aus dem Gesellschaftskörper ausgeschieden werden will. Denn wenn Soziale Arbeit die höhern Weihen der Wahren Ordnung verliert und zu einem innern Organ der zivilen Gesellschaft profaniert, darf diese gerechterweise die Frage stellen, ob sie sich jene leisten will. Also ob die von jener erbrachten Leistungen den mit ihr getriebenen Aufwand wert sind.

der Wert der Sozialarbeit
 

Ja, was ist die Sozialarbeit denn „wert“? Dies ist ihr entscheidender Unterschied von anderen Dienstleistungen: daß die hier erbrachte Lohnarbeit nicht gegen Kapital ausgetauscht wird, sondern gegen Revenü – einen außerökonomischen (hier: politischen) Abzug vom Profit der andern.[13] Es gibt nur einen, monopolistischen Nachfrager nach Sozialarbeit, nämlich das (staatlich verfaßte) Gemeinwesen selbst. Es kauft nicht, wie der Kapitalist, die Arbeitskraft der Sozialarbeiter, um ihr Arbeitsprodukt an Dritte weiterzuverkaufen; sondern es heuert den Sozialarbeiter, um seine Leistung selber zu verbrauchen – d. h. unentgeltlich an seine bedürftigen Glieder weiterzureichen. Etwa so, wie ein Duodez-Fürst sich einen Hofpoeten hält, der für alle reimt. Der Anbieter – Sozialarbeiter, Träger, Initiativen – gibt es viele, aber nur einen möglichen Käufer: den – hier zutreffend so genannten – Souverän. Denn da er am Markt auf keinen Mitbewerber trifft, kann er den Preis je nach seiner fancy (Marx) ermessen; je nachdem, was sie ihm „wert“ ist. Eine prozessierende Reduktion des Preises der Sozialarbeit auf ihren Tauschwert findet – anders als bei solchen Dienstleistungen, die Kapital verwerten, welches seinerseits auf dem Markt konkurriert – auch mittelbar nicht statt.

Reduktion der Preise auf den Tauschwert, daß heißt Ermittlung der „gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit“ durch den Realprozeß der Zirkulation: Es muß sich – im ‚Spiel von Angebot und Nachfrage’ – herausstellen, wieviel der tatsächlich aufgewendeten Arbeitszeit ‚gesellschaftlich notwendig’ war, und das heißt a limite: ob sie überhaupt notwendig war.

kopernikanische Wende 

Da wissen die Sozialarbeiter nicht mehr, woran sie sind. Eben machen sie sich, unter Schmerzen, daran, ihre pastoralen Prätentionen auf Missionierung und Gesellschaftsreform fahrenzulassen und sich zum dienenden Organ der zivilen Welt zu bescheiden; und gleich müssen sie sich sagen lassen, daß der Preis für ihre Mühen nichtsdestoweniger… politisch bemessen wird.

Ja wie denn nun?
 
 
 

Das Paradox, in das sie sich geworfen fühlen, ist dennoch bloßer Schein. Er entsteht nur, wenn es der Selbstreflexion an Radikalität fehlt, weil sie sich vor ihren Resultaten fürchtet.

Sie hatte sich – ewig maulend zwar, denn Klappern gehört zum Handwerk – im Schatten der Macht häuslich eingerichtet, von der sie selbst einen Zipfel in Händen halten durfte. Daß es Sache der Obrigkeit sei, für Richtigkeit zu sorgen, darüber war man ja einig. Wie Unrichtigkeit zu definieren; wo, wie groß und wie zahlreich die Löcher im „Netz der psychosozialen Versorgung“, und wie die Mittel zu bemessen seien, sie zu stopfen – darüber gab es immer wieder Streit. Denn da die einen immer wieder nur mehr haben wollten – mehr Geld, mehr Stellen, mehr Staat -, gewöhnten sich die andern endlich an, grundsätzlich weniger herauszurücken. Doch an der obrigkeitlichen Prämisse hielten sie beide fest: daß die Politik eine Instanz über der zivilen Gesellschaft zu sein habe, und nicht Organ in ihr. Daß also die Polis gleichzusetzen sei mit – ihren Bediensteten.[14]

In Wahrheit hat das Politische viele Stufen. Es beginnt überall dort, wo Öffentlichkeit entsteht, denn die bedeutet Reflexion und ist ein Einbruch in die Selbstverständlichkeit, welche ihrerseits das Unpolitische schlechthin darstellt. (Die systematische Scheidung unseres Lebens in einen öffentlichen und einen privaten Bereich ist eine der großen revolutionären Leistungen der bürgerlichen Gesellschaft.)

Verwaltungshandeln ist nur ein ganz untergeordneter Teil des Politischen, und je mehr es sich der Öffentlichkeit zu entziehen neigt, seine ständige Bedrohung. Staatliche Bürokratie ist ein Erbstück der absolutistischen Monarchien, die die Geltung des Öffentlich-Allgemeinen erst mit ihrer Hilfe gegen die partikularen Ansprüche der Feudalen erzwingen konnten – um sie dann gegen die bürgerliche Revolution zu wenden. Sie ist nicht die legitime Tochter, wie Max Weber meinen konnte,[15] der Warenproduktion und ihres Rationalisierungsgebots, sondern ein vorbürgerliches Residuum.

Sie zählt zu den unproduktiven faux frais der bürgerlichen Verkehrsweise, und hat nur als Polizeikorps jenseits der zivilen Gesellschaft Bestand. (Es fragt sich bloß, in wessen Auftrag – wenn nicht ihrem eigenen.)

So und nicht anders ist, unerachtet der subjektiven Intentionen ihrer Protagonisten, auch die soziale Arbeit entstanden. Es ist die kopernikanische Wende ihrer Geschichte, daß sie sich inzwischen als deren immanente Funktion neu bestimmt.

Politisierung des Alltags


Politisch ist nicht nur der Staat, und öffentlich ist nicht erst die Behörde. Überall, wo das Gemeinwesen als solches „in Erscheinung tritt“, geschieht Politisches.[16] Daß es dabei nicht mit einer, sondern zuerst immer mit vielen Stimmen redet, liegt in seiner Natur (oder etwa nicht?!). Dabei kann es nicht bleiben, gewiß, es muß sich, als Hoheit, zu einem handlungsfähigen Willen konstituieren – nämlich immer da, wo das Allgemeine mit Zwangsgewalt gegen das Partikulare zur Geltung gebracht werden muß; sonst nicht.

 Sache der Sozialarbeit ist nun aber nicht mehr die Geltendmachung von Allgemeinem gegen die Privaten, sondern Mediation zwischen den Privaten (und den ‚Diensten’). Sie ist funktional, nicht (mehr) hoheitlich.

Wenn es aber nur einen Nachfrager gibt, findet ein solches Spiel nicht statt. Wieviel von ihrem verfügbaren Arbeitszeitbudget eine Gesellschaft für Sozialarbeit „übrighat“, läßt sich nicht ex post im Verkehr Aller mit Allen (faktisch) ausmitteln, sondern immer nur ex ante (normativ) festlegen. Der „Wert der Sozialarbeit“ ist keine ökonomische, sondern, wer hätte das gedacht, eine politische Größe.  

Dem entspricht, daß mit der „reflexiven Moderne“ der Risikogesellschaft[17] das Politische in den bürgerlichen Alltag selber eingekehrt ist. Die Konflikte innerhalb der zivilen Gesellschaft[18] werden zunehmend zwischen den Privaten (den diesbezüglich so genannten „Betroffenen“) selbst ausgehandelt – ohne den souveränen Eingriff des Staats, dessen Legitimität längst in Zweifel steht, denn „einerseits stirbt er ab, andererseits muß er neu erfunden werden“. Er stirbt ab – als besonderes Wesen, als Gebilde einer Souveränität und als hierarchischer Koordinator. Er muß neu erfunden werden: „An die Stelle des Handlungsstaats tritt der Verhandlungsstaat.“[19]

Wenn nun die zivile Gesellschaft selbst politisch wird, dann verlieren die konstituierten Korps der volonté générale ihre Sonderrolle, aus ihrer Stellung über dem und gegen den bürgerlichen Alltag sinken sie in ihn herab und lösen sich darin auf. „Der Staat muß Selbstbegrenzung, Selbstenthaltung praktizieren, Monopole aufgeben.“[20] 

Zum Beispiel in der sozialen Arbeit. So wie jener seine Rolle als ideeller Gesamt-Sozialarbeiter einbüßt, verliert diese ihre Sendung als der authentifizierte Gemeinsinn und ist nicht mehr politischer als irgendwer sonst. Sie hören auf, miteinander ein privilegiertes Verhältnis zu haben.

Bleibt immerhin die Frage: Wer zahlt?

 
Jedenfalls nicht der Ratsuchende selbst. Denn das wäre widersinnig: Helfende Beratung würde zum Luxuskonsum für Besserverdienende; eine Variante des Psycho-Booms. Eine allgemeine Dienstleistung kann sie nur sein, wenn die Eingangsschwellen niedrig sind: auch die finanziellen. Daß es Helfende Beratung gibt, ist im Ganzen eine Gemeinschaftsaufgabe.

Darum ist sie noch lange nicht Amtswaltung des Gemeinwesens am Einzelnen. Helfende Beratung kommt durch Vertrag zustande, nicht als Maßnahme. Unser Rechtssystem beruht darauf, daß keiner ohne rechtlichen Beistand bleibt, wenn er ihn braucht. Deshalb gibt es kommunale Rechtsberatung und das Armenrecht. Daß es sie gibt, liegt im öffentlichen Interesse.

Daß die Menschen gesund und leistungsfähig bleiben, liegt im öffentlichen Interesse. Deshalb gibt es ein öffentlich verfaßtes Gesundheitssystem. So umstritten seine Kosten immer wieder sind: Daß es sich um Dienstleistungen an Privatleuten handelt und nicht um Vollstreckung eines Staatszwecks, das hat noch keiner in Frage gestellt.

Und daß zum Setzen der fachlichen Maßstäbe letzten Endes die jeweilige Fachwelt – der Juristen hier, der Mediziner dort – immer noch am ehesten qualifiziert ist, auch nicht.
 

Was wäre also daran paradox, wenn die Existenz eines Systems Helfender Beratung durch das Gemeinwesen finanziert, seine Wirkweise aber privat verfaßt wäre? Es ist der Dünkel des öffentlichen Dienstes ebenso wie der Geltungsdrang manchen Sozialarbeiters, der hier eine Denkhemmung aufbaut; nicht der gesunde Menschenverstand.

Daß Helfende Beratung nicht in den öffentlichen Dienst gehört, hat seine sozusagen ‚technologischen’ und ‚ergonomischen’ Gründe: Der Charakter der Tätigkeit selbst – erraten, erfinden, verlocken, präsentieren, simulieren – hat mehr mit Kunst zu tun als mit Ordnung.[21] Aber darin kommt nur zum Ausdruck, daß sie ihrer Ortsbestimmung nach nicht mehr Hoheit ist, sondern Medium gesellschaftlicher Selbstorganisation.


Daß sie es ist, liegt im Interesse des Gemeinwesens. Um es zu sein, dient sie nicht jenem, sondern den Privatleuten.


Doch mit der Frage, wer zahlt, erledigt sich nicht die Frage, was es kostet. Wieviel und welche Art sozialer Arbeit eine Gesellschaft nötig zu haben meint und was sie ihr wert ist, ist eine politische Frage. Aber nicht nur. Es ist auch eine fachliche Frage; sobald es nämlich um die Qualitätskriterien geht. Und darüber entscheidet am besten die Fachwelt selbst, nicht die konstituierten politischen Korps.


Darüber, wieviel das Gemeinwesen für soziale Arbeit ausgibt, sollte die Sozialarbeit besser nicht mitreden wollen: in wessen Namen wohl? Auch nicht darüber, wie das Geld verteilt wird: Das gibt nur Zank. Aber die fachlichen Maßstäbe, nach denen der Hoheitsträger über die Verteilung öffentlicher Mittel entscheidet, die kann nur sie setzen und kein anderer.

Dazu freilich müßte sie mit einer Stimme reden. Das heißt, sie müßte sich selbst repräsentieren können. Also sich selbst verfassen: repräsentativ heißt öffentlich (nach innen wie nach außen). 
Als wir vor drei Jahren der Fachwelt unsern Vorschlag zur Selbstorganisation der Sozialarbeit in einer öffentlich-rechtlichen Kammer vortrugen,[22] da wurde er mit ohrenbetäubendem Schweigen begrüßt.
 
Dabei ist es bis heut geblieben. Kein Wunder: Weder die Verwaltung hätte einen Vorteil davon, noch die „Betroffenen“ selbst. Der Vorteil läge ganz und gar beim… Gemeinwesen. – Vielleicht liegt hier eine dankbare Aufgabe für die akademischen Vertreter unseres Fachs? Dann wüßten sie auch endlich, wo sie hingehören.

Daß eine gründliche Umordnung der sozialen Arbeit auf der Tagesordnung steht, ist außer Frage. Es kann ja sein, daß unser Vorschlag zur „Verkammerung“ der Weisheit letzter Schluß nicht war. Aber ein anderer ist bislang nicht gemacht worden. Wie wärs, wenn die Debatte sich wenigstens auf das Niveau erheben würde, das heute schon möglich ist?

[1] Gehlen, A., Urmensch und Spätkultur, Ffm 1977, S. 43 
[2] so in der amerikanischen Erklärung der Menschenrechte 
[3] Ein letztes Aufbegehren des Kümmer-Prinzips in der Sozialarbeit war der missionarisch-agitatorische Gestus der 68er: Sogenannte Randgruppen sollten emanzipiert werden. Aber in der individualisierten Risikogesellschaft läßt sich jede willkrlich herausgegriffene Menschenmenge ‚irgendwie’ als Randgruppe definieren. Der emanzipatorische Anspruch entpuppt sich so als Vehikel berufsständischer Landnahme. 
[4] „Wenn man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man sich befindet.“ Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Ffm 1987, S. 188 
[5] aus Winkler, M., Stellungnahme zur Konzeption eines Verbundes von Kinderhäusern im Berliner Raum (unveröffentlicht
[6]Hinte, W., Die mit den Wölfen tanzen, in Sozial Extra 7-8/93 
[7] aus Hinte, W., Gutachterliche Stellungnahme zum Kinderhaus in Berlin-Friedrichshain (unveröffentlicht) 
[8] krassestes Beispiel : die Entwicklung der Schule von der Charakter- und Status-Schmiede zu ‚Informations’-Börse und zu ‚Verhaltens’-Studio 
[9]vgl. Nowak, J., Computerunterstützte Netzwerkarbeit als Case Management – Sozialarbeit in einer sich zerfasernden Gesellschaft, in Soziale Arbeit 3/90. 
[10] Ja, als eine der Bedingungen persönlicher Wahlfreiheit setzt sie manche Menschen erst instand, Staatsbürger zu werden; vgl. hierzu den Abschnitt Wahlfreiheit und Sozialstaat in unserm Beitrag Das Kinderhaus – Modell für die Sozialarbeit der Zukunft in ‚Jugendhilfe’ (Luchterhand) 2/92
[11] siehe Fußn. 6)
[12] vgl. Wiener, N., Kybernetik, Reinbek 1968 
[13] vgl. Marx, K., Marx-Engels-Werke, Bd. 42, Bln 1983; S. 226ff 
[14] Die bekannte Definition des Staates als eine „Ansammlung bewaffneter Menschen“ war kritisch gemeint; aber die Nutznießer nehmen sie positiv: Der Staat sind wir. 
[15]Weber, M., Wirtschaft und Gesellschaft, Tbgn. 51972, v. a. S. 551ff. – Auch in der großen Industrie sind Bürokratismus, Hierarchie, Kästchendenken und lineare Entscheidungsprozesse Anachronismen aus deren Frühzeit: siehe unsern Beitrag Eine Steinzeit-Technologie? in Sozial Extra, 7-8/93. – Die bürokratische Konterrevolution im jungen Sowjetstaat wurzelte ihrerseits in dessen Herkunft aus einer vorbürgerlichen Gesellschaft, nicht in bürgerlicher Digression; sonst sähe es in Rußland heute anders aus. 
[16] Die Definition des Politischen durch Bezugnahme auf den Klassenkampf war nur haltbar unter der logischen Prämisse, daß wir in der Epoche der Weltrevolution lebten. Diese ist jedoch seit den Ereignissen der Jahre 1989-90 hinfällig. 
[17] Beck, U., Die Erfindung des Politischen, Ffm 1993, S. 214ff und pass. 
[18] Als zivil verstehen wir alle, die nur sich selbst repräsentieren und gegen andere kein Amt in Anspruch nehmen; politisch werden die Einzelnen immer dann, wenn viele ‚sich selbst’ gemeinsam und gegenseitig repräsentieren. Die moderne Staatsidee beruht auf der Vorstellung, daß sich alle Einzelnen vertraglich gegeneinander verpflichtet hätten. Das Politische und das Zivile sind also nicht substanziell, sondern nur verhältnismäßig verschieden; nämlich nach dem Grad der Stellvertretung. 
[19] Beck aaO 
[20] ebd., S. 219 
[21]siehe Eine Steinzeit-Technologie?, aaO, sowie Ein gewagtes Unternehmen – Warum soziale Arbeit nicht länger in den öffentlichen Dienst gehört
[22]siehe Befreit die Sozialarbeit ! – Ein Vorschlag zur Umordnung der Jugendhilfe in Sozial Extra 2/1991