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Freitag, 16. März 2018

Mobbing in der Schule.


Bereits am 4. 5. 2014 hat in der Frankfurter Sonntagszeitung über eine überra- schende Studie zweier amerikanischer Soziologen über Mobbing an den Schulen berichtet. Die allgemeine Erwartung ist, hauptsächlich schwache, unbeliebte und isolierte Schüler würden zu Opfern.

Zwei amerikanische Soziologen haben jetzt in einer aufwendigen Studie zu Aggressionen in Schulen das Gegenteil festgestellt. Oder um es genauer zu sagen, sie haben festgestellt, dass es zwei ganz unterschied- liche Opfergruppen von schulischer Gewalt gibt: die Schwachen und die Starken.

Zunächst zu den Tätern. Dass es unter Jugendlichen nicht die Marginalisierten sind, nicht die sozial Benachteiligten, die gewalttätig gegen andere vorgehen, ist in der Forschung seit langem bekannt. Die Aggression kommt, was die Herkunft und den Status der Angreifer angeht, nicht vom gesellschaftlichen Rand.

Motivation Statuszugewinn

Angriffe auf Mitschüler erfolgen also typischerweise nicht, um häusliche Nachteile zu kompensieren. Ihr Ziel ist vielmehr in der Regel ein weiterer Statuszugewinn. Es geht um Führerschaft in Kleingruppen. Wenn die Angreifer in der Klassenhierarchie aufsteigen, nimmt ihre Gewalttätigkeit nicht ab, sondern so lange zu, bis sie unumstritten die Chefs sind.

Darin liegt bereits ein Hinweis, dass es nicht nur Schwache sein können, die im Verlauf solcher Mobbing-Karrieren attackiert werden. Die Autoren unterscheiden zwischen Opfern, die aus normativen Gründen gewählt werden, und solchen, die aus instrumentellen Gründen in den Blick der Angreifer kommen. Wehrlose, so lautet ihr Argument, werden nicht nur deshalb zum Ziel von Angriffen, weil bei ihnen der Ausgang des Konflikts sicher ist.

Die Starken stürzen sich auf die Schwachen auch, um ohne großes Risiko Standards dafür zu etablieren, was an Gewalt möglich ist. Dieses „normative targeting“ ist eine Opferwahl, die ausprobiert, wobei man als Starker auf Unterstützung durch die Gruppe rechnen kann.

Beliebte Schüler werden häufig Mobbing-Opfer

Doch wenn ein Fünftel aller amerikanischen Schüler berichtet, im Verlauf der Schulkarriere schon einmal einer gewalttätigen Attacke ausgesetzt gewesen zu sein, kann es sich bei den Opfern nicht nur um Stigmatisierte handeln. Hier setzt das Konzept der „instrumentellen Opferwahl“ an. Danach exponiert nicht nur Schwäche, sondern auch hoher Status für Angriffe. Auf Schulhöfen kommt es leicht zu einem enthemmten Kampf um Anerkennung. Kleine Beleidigungen oder Streitereien um unbeträchtliche Ressourcen genügen oft, um eine Gewaltspirale in Gang zu setzen.

Wenn ein solcher Streit strategisch eingesetzt wird, werden die Opfer eher unter den beliebten Schülern gewählt. Denn es geht dann darum, den Status von jemand anderem zu attackieren. Das kann durchaus wechselseitig erfolgen, so dass die Opfer zugleich Täter sind. Das kann sich aber auch auf konkurrierende Statusnormen beziehen, wenn Personen, deren Beliebtheit auf freundlichem Umgang beruht, von solchen attackiert werden, die demonstrieren wollen, dass das im Konfliktfall gar nicht zählt.

Mehr Attacken auf Mädchen

So haben die Forscher in ihrer Untersuchung sozialer Netzwerke von achttausend Schülern an neunzehn Schulen festgestellt, dass beispielsweise die Opfer von Denunziationen auf Facebook oft Schülerinnen sind, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Sie bloßzustellen oder zu verleumden bringt für die Täter persönlich gar keinen besonders großen Nutzen.

Entscheidend ist vielmehr der große Schaden, der bei den Mitkonkurrenten ums Ansehen entsteht. Bemerkenswert ist dabei, dass an Schulen, in denen die Freundschaftsnetzwerke jeweils stark homogen männlich und weiblich sind, jene Schüler, die Freundschaften zu beiden Gruppen unterhalten, weniger Attacken ausgesetzt sind. Das Mobbing hat also neben der Status- auch eine Geschlechtsqualität.

Mädchen sind physischen Attacken [durch Mädchen, versteht sich!] insgesamt stärker ausgesetzt als Jungen. Das gilt besonders für Mädchen, die wechselnde Intimbeziehungen eingehen. Hier kommt ebenfalls jene Rivalität ins Spiel, die sich, wie Neid, auf „sozial zentrale“ Personen bezieht, nicht auf Außenseiter. Wer dagegen angehen will, so die Forscher, muss vor allem dafür sorgen, dass das Publikum solcher Statuskämpfe nicht dem Sieger applaudiert.

Robert Faris und Diane Felmlee: „Casualties of Social Combat: School Networks of Peer Victimization“, American Journals of Sociology, 79 (2), 2014.

Mittwoch, 14. März 2018

Taugt Streetwork?


So zweckmäßig eine solche Untersuchung wäre, so unzweckmäßig scheint die Herangehensweise des österreichischen Instituts. Sie scheinen die Wirkung von Streetwork - 'aufsuchende Jugendsozialarbeit' im Berliner Behördendeutsch - als eine Summe linear-kausaler Einzelwirkungen aufzufassen, was aller- dings so erfolgversprechend ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen; und man kann nur hoffen, dass die österreichischen Streetworker selber eine professionellere Auffassung von ihrer Arbeit haben.

Streetwork kann (auf die Dauer) überhaupt nur nützen, wenn sie von Anfang an systemisch aufgefasst wird und eben nicht an ihren Ergebnissen in soundsoviel Einzelfällen, sondern an ihrer Wirkung auf das jewei- lige soziale Feld gemessen wird. Sie muss sich zu einer sozialräumlichen Instanz entwickeln können, deren Präsenz zu einer selbstverständlichen Prämisse für jedermanns private Lebensführung wird; etwas, worauf man in jedem (nicht erst äußersten) Fall rechnen kann - und sei es ohne dass sie tatsächlich in An- spruch genommen wird! Ihre Gegenwart hätte (im Detail) nachträglich manch individuelle Konsequenz im Einzelfall, aber (en gros) vor allem eine vorab  regulative Wirkung fürs Gemeinwesen.

Mit andern Worten, Streetwork darf nicht nur "unter anderm auch", sondern muss zuerst und vor allem präven- tiv aufgefasst werden. Und so etwas lässt sich nur über einen längeren Zeitraum und mit den quan- tifizierenden Methoden der Soziologen nachweisen. Ohne Vertrauensvorschuss braucht man da gar nicht erst anzufangen, das geht garantiert ins Auge.

Dienstag, 13. März 2018

Behördenbashing...

Strafprozess wegen Kindesmisshandlung

Mit kühlem Kopf und Augenmaß - das kann in solchen Fällen immer nur auf Trivialitäten hinauslaufen: "Man muss immer den einzelnen Fall ansehen, Pauschalurteile helfen nicht weiter." Das klingt maßlos fehl am Platz, wenn sich die Hiobsbotschaften mal wieder gehäuft haben. Die Behörde wird ja wohl versagt haben, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Aber die Behörde hat's auch schwer, sagen die Ämterversteher und ihre Berufsvertretungen.

Und mein Gott, beide haben sie Recht. Auf welche Seite man sich schlägt, hängt zuerst einmal davon ab, welches Vor-Urteil man bereits mitbringt. Ist man der Meinung, das Jugendamt sei in erster Linie Kontrolleur, der dar- auf zu achten hat, dass alles in Ordnung ist, so wird man zu dem Urteil neigen, "da hätten viel früher schon die Alarmglocken schrillen müssen". Ist man dagegen der Auffassung, das Jugendamt habe wie jeder Sozialarbeiter den Auftrag, aus der gegebenen Situation das für alle Beteiligten jeweils Bestmögliche heraus- zuholen, wird man sagen: Ja, dieser Versuch musste auch noch gewagt werden, nur wer kein Risiko eingeht, macht keine Fehler - aber als Sozialarbeiter ist er selber ein Fehler.
 

Und ob Sie eines dieser beiden Vor-Urteile wählen oder nicht, liegt nicht in Ihrem Ermessen. Die Doppelnatur des Jugendamts als Behörde und als Helfender Berater lässt Ihnen gar keinen Spielraum.
 

Nicht, dass es bei einer längst fälligen Entmischung der beiden Funktionen keine Tragödien mehr geben würde. Nicht, dass es keine Fehleinschätzungen und keine Verantwortungslosigkeiten mehr geben würde. Nicht, dass es keine Sturheit und kein Schema F mehr geben würde! Aber man könnte sie leichter identifizieren, beim Namen nennen und - nun ja, Rechenschaft fordern. Und was viel wichtiger ist: Die, die es angeht, könnten, dürften, müssten sicherer sein, dass es auf sie ankommt.
 

Wer einmal in einer Behörde zu tun hatte, wird wissen, welchen Unterschied sowas ausmacht. Denn dann könnte jeder Einzelfall wirklich als Einzelfall erörtert werden,

21. 12. 14

Montag, 12. März 2018

Der Verfall eines Berufsbilds.


So ist es: Nicht 'die Gesellschaft' erwartet zuviel von den Sozialarbeitern, nicht die Sozialarbeiter erwarten zuviel von sich, sondern die Sozialarbeiter erwarten zuviel von ihrem Beruf.

Freudenbergers Diagnose datiert von 1974? Da war die Zunft noch neu und jung, da gab es ganz sicher eine Menge Leute, die von sich selbst "zu viel" erwarteten - in Amerika wie bei uns: Die dachten noch, es wäre ganz besonders an ihnen, die Welt zu verändern, und in Amerika sicher viel naiver als in Old Europe. Aber auch bei uns kamen sich die Sozialarbeiter, die eben erst diese Berufsbezeichnung und kaum noch ein Gra- duiertendiplom errungen hatte, wie Pioniere und Avantgardisten vor. Das waren Leute, die sich auf ein ganz neues Terrain vorgewagt hatten, die noch selbst erkunden mussten, in welchem Land sie überhaupt gelandet waren, und die sich zu Recht für Kreative und ein bisschen, nein sogar sehr auch für Künstler hielten - im vollen Bewusstsein, bei einer unglücklichen Wendung der Umstände auch scheitern zu können.*

Heute ist Sozialarbeit - "Sozialpädagogik" schon gar - ein Öffentlicher Dienst wie alle andern, nein, gar mehr als alle andern, und waren sie in den Pionierjahren allgemein bestaunt und bewundert und wegen ihres Idealismus' natürlich auch ein wenig belächelt, so ziehe ich es heute vor, meinen (früheren) Beruf zu verheimlichen, so sehr wird er inzwischen verachtet. Und sie geben mehr und schrillere Töne an als je zuvor. Bescheidenheit ist ihre Zier nicht, doch das erwartet auch schon keiner mehr von ihnen. Sie dümpeln in routiniertem Schlendrian und geben an wie ein Sack voll Flöhen. 

Es gibt ihrer viel zu viele. Professionell qualifizieren ließe sich ihr Beruf nur durch strenge personale Ökonomie - doch auch gesellschaftlich und sogar pekuniär aufwerten. Aber meinen Sie, dafür fänden Sie unter ihnen Sympathie - und Bereitschaft zu einem neuen Aufbruch? "Das ist ja wohl das Letzte!"

Kein Wunder, dass in ihrem Berufsbild der Burnout ganz obenan steht, und fast möchte man es ihnen, wenn es nicht auf Kosten der Steuerzahler und der Klienten ginge, gönnen.

*) Haltet mal schön die Füße still, von mir rede ich ja nicht, damals gehörte ich noch gar nicht dazu. Ich rede von meinen Freunden und Bekannten.

19. 5. 15

Sonntag, 11. März 2018

"Sie wissen doch, wie das System funktioniert!"

Tinguely

... Das ist wie mit dem schlechten Ruf des Öffentlichen Dienstes: Es ist gar nicht nötig und es ist ja wahr-  scheinlich gar nicht mal der Fall, dass "alle so sind". Es kommt drauf an, wer in der Behörde oder im Milieu den Ton angibt. Da geht es nicht nur darum, wer öfter und wer seltener, wer lauter oder leiser das Wort ergreift, sondern wie das Umfeld resonniert, und da mag das Ganze wirklich mehr oder ganz was anderes sein als die Summe seiner Teile.

Es hat also ein bisschen was für sich, wenn jeder einzelne - in der Behörde oder im Wildwuchs der Praktiker - sagt: An mir liegt's nicht! Was hab ich nicht alles versucht, aber man läuft ja überall gegen Wattewände. Man kann gar nix machen. - Eine der Leitenden Beamtinnen, die seinerzeit mein Kinderhaus in die Pleite getrieben haben, sagte mir damals: "Herr E., Sie wissen doch, wie das System funktioniert!" Ich habe geantwortet: In all den Jahren ist mir hier auf Ihren Fluren ein System nie begegnet. Ich habe immer nur einzelne Beamte getroffen, die dieses getan und jenes nicht getan haben. Es gibt gar kein System.

Wenn sie nämlich alle sagen: An mir liegt's nicht, dass es so ist, haben sie nur zum Teil Recht. Zum anderen, wichtigeren Teil muss man sagen: Aber an dir liegt's, wenn es nicht anders wird. Wer soll's denn anders machen, wenn nicht du? Wenn alle sagen, an mir liegt's nicht...

Das ist banal, sagen Sie? Wir sind hier in Deutschland, hier ist das nicht banal. Man konnte als Einzelner ja nichts machen, sollte ich allein den Kopf hinhalten? - So weit ins Detail gingen die meisten gar nicht; die sagten schlicht, ich habe nur Befehle ausgeführt.

Mit andern Worten, für Zynismus und Schlendrian gibt es tausend Ausreden und keine Rechtfertigung.

5. 2. 2016 


Samstag, 10. März 2018

Liegt's am Beruf oder an den*innen, die ihn wählen?

aus einem Kommentar: Wer hätte das gedacht! 

Ich habe gut drei Jahrzehnte lang selber in dieser Branche gearbeitet. Ich habe immer, von Jahr zu Jahr, gehört, die Belastungen nähmen zu, die Fälle würden immer schwerer, wir bräuchten dringend mehr Personal. Ich habe nie gehört, dieses Jahr sei mal irgendetwas besser geworden, die Fälle nicht mehr ganz so schwer, mit dem Personal käme man endlich mal aus. 

Die Böckler-Stiftung hat auch keine irgendwie objektivierbare empirische Untersuchung in Auftrag gegeben, sondern hat Betroffene danach gefragt, wie sie sich fühlen. Und siehe da - sie fühlen sich nicht gut, und so wird es schon seit hundert Jahren sein: So lange gibt es diesen Beruf nämlich. Und wenn sie alle Jahr für Jahr immer Recht gehabt haben in ihrem Empfinden und es doch heute grad eben noch er- träglich ist - dann muss das ja am Anfang die reinste Idylle gewesen sein vor hundert Jahren; und dann können sie damals nicht Recht gehabt haben!

Aber wenn damals nicht, wieso dann heute?

Der Haken ist eben der: Das ist alles gar nicht objektivierbar! Nicht einmal, wenn die Gruppenstärken her- aufgesetzt werden - es gab Zeiten, da wurden sie gesenkt, hat man damals nicht geklagt? -, bedeutet das zwingend, dass die Belastung größer würde. Kann sein und ist im statistischen Durchschnitt vielleicht sogar wahrscheinlich; muss aber ganz und gar nicht sein, die Gruppenstärke ist kein unabhängiger Parameter, da kommt vieles andere mit ins Spiel. 

Und wenn das schon seit hundert Jahren so geht, dann liegt die Frage nahe: Liegt es vielleicht am Charak- ter dieser Berufe selbst, dass die, die ihn ausüben, ständig klagen müssen? Oder liegt es am Charakter de- rer, die sie wählen?

3. 6. 15

Freitag, 9. März 2018

Nachwort zum Schlusswort...

...das eigentlich ein Vorwort war:

n3po                                                                           aus Wildwuchs in der Jugendhilfe

Der von so manchen Jugendämtern fröhlich aufgegriffene Vorschlag der Sozialraumbudgets, der den Ge- danken der Neuordnung der Sozialarbeit nach Feld-Gesichtspunkten auf lange Zeit nachhaltig kompromit- tiert haben dürfte, ging ja, das muss man gerechterweise sagen, auf ein ehrenwertes fachliches Motiv zu- rück: Es war die Sorge um den Erhalt der professionellen Standards zu Zeiten knapper Kassen, und der Hintergrund war eben - der besagte Wildwuchs, der seit Jahrzehnten auch bei uns, sicher viel stärker noch als in Österreich, um sich gegriffen hat. 

Den Anfang machten die Antiautoritären Kinderläden ab Mitte der sechziger Jahre, da war Pioniergeist und Idealismus, und es brauchte einige Zeit und Agitation, bis überhaupt die ersten öffentlichen Groschen locker gemacht werden konnten. Es war immer noch viel Abenteuer dabei, und für Leute, die ne ruhige Kugel schieben wollten, war es nix. - Ich kürze ab: Für die wurde es was in den siebziger Jahren, als die Fördermittel sprudelten, weil Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit in den oberen Etagen der Verwaltung als frischer Wind wahrgenommen wurden und weil... man bemerkte, dass privates Engagement die öffentlichen Haushalte entlasten kann. Und so kam es, dass auch bei uns - will mir da einer ehrlichen Herzens widersprechen? - Leute "mit falscher Motivation" angelockt wurden. Sicher waren die Stellen, solange man sich bei den internen Intrigen auf der richtigen Seite hielt, fast so wie im öffentlichen Dienst und die Kugeln womöglich noch ruhiger, und vor allem: Da war keiner, der einem fachlich auf die Finger sah.

Das ist aber im privaten wie im öffentlichen Bereich das größte Problem. Professionell störend sind die Ämter in der Kinder- und Jugendhilfe nicht, weil sie kontrollieren, sondern weil sie professionell gar nicht kontrollieren können, sondern sich mit pauschaler präventiver Schikane begnügen müssen; und im Einzelfall dann "auch mal ein Auge zudrücken"! Das Problem ist für die Praktiker nicht, wenn es ihnen auch so vorkommen mag, dass es zuviel Kontrolle gäbe, sondern dass es zuwenig fachliche Kontrolle gibt.

Ins Auge springt das, seit die Fördermittel immer spärlicher tröpfeln. Wie im Artikel nur schamhaft angedeutet, setzte innerhalb des Wildwuchses eine Preiskonkurrenz ein, und die Ämter neigten unterm sanften Druck der Stadtkämmerer dazu, die billigsten Angebote vorzuziehen. Dagegen, wurde mir damals versichert, sollten die Sozialraumbudgets ein Bollwerk schaffen. Es sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die - oben so genannten - Schwarzen Schafe auszusondern.

Dass das wünschenswert wäre  - wer, der die Branche kennt, würde das bestreiten? Dass dafür die Jugendämter die am besten geeignete Instanz wäre - wer, der die Branche kennt, kann auf diese Schnapsidee kommen!

* 

Der Wildwuchs hat das öffentliche Standing der Sozialpädagogik bis auf die Knochen ruiniert. Als in den sechziger Jahren die Pioniere daran gingen, dieses Berufsbild überhaupt erst zu schaffen, da war die allgemeine Reaktion von Müller und Meier: Hut ab, die traun sich was. Heute tut ein Sozialpädagoge gut daran, in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis seinen Beruf zu verschweigen, weil sonst alle denken: Tagedieb mit großem Maul.

Das ist wie mit dem schlechten Ruf des Öffentlichen Dienstes: Es ist gar nicht nötig und es ist ja wahr-  scheinlich gar nicht mal der Fall, dass "alle so sind". Es kommt drauf an, wer in der Behörde oder im Milieu den Ton angibt. Da geht es nicht nur darum, wer öfter und wer seltener, wer lauter oder leiser das Wort ergreift, sondern wie das Umfeld resonniert, und da mag das Ganze wirklich mehr oder ganz was anderes sein als die Summe seiner Teile.

Es hat also ein bisschen was für sich, wenn jeder einzelne - in der Behörde oder im Wildwuchs der Praktiker - sagt: An mir liegt's nicht! Was hab ich nicht alles versucht, aber man läuft ja überall gegen Wattewände. Man kann gar nix machen. - Eine der Leitenden Beamtinnen, die seinerzeit mein Kinderhaus in die Pleite getrieben haben, sagte mir damals: "Herr E., Sie wissen doch, wie das System funktioniert!" Ich habe geantwortet: In all den Jahren ist mir hier auf Ihren Fluren ein System nie begegnet. Ich habe immer nur einzelne Beamte getroffen, die dieses getan und jenes nicht getan haben. Es gibt gar kein System.

Wenn sie nämlich alle sagen: An mir liegt's nicht, dass es so ist, haben sie nur zum Teil Recht. Zum anderen, wichtigeren Teil muss man sagen: Aber an dir liegt's, wenn es nicht anders wird. Wer soll's denn anders machen, wenn nicht du? Wenn alle sagen, an mir liegt's nicht...

Das ist banal, sagen Sie? Wir sind hier in Deutschland, hier ist das nicht banal. Man konnte als Einzelner ja nichts machen, sollte ich allein den Kopf hinhalten? - So weit ins Detail gingen die meisten gar nicht; die sagten schlicht, ich habe nur Befehle ausgeführt.

Mit andern Worten, für Zynismus und Schlendrian gibt es tausend Ausreden und keine Rechtfertigung.

5. 2. 2016