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Donnerstag, 10. Dezember 2015

Heißa, neue Posten!


institution logoDortmunder Erklärung: Schulso-zialarbeit systematisch ausbauen





Eva-Maria Reuber
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fachhochschule Dortmund

Schulsozialarbeit muss systematisch ausgebaut und an allen Schulen professionell etabliert werden. Als fachlich aus der Kinder- und Jugendhilfe begründetes Angebot muss sie bundesweit verbindlich geregelt, qualitativ abgesichert und dauerhaft etabliert werden. Das sind einige der wesentlichen Forderungen, die beim Bundeskongress Schulsozialarbeit an der Fachhochschule Dortmund als „Dortmunder Erklärung“ verabschiedet wurden.

Für jeweils 150 Schülerinnen und Schüler, so die Rechnung des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit, müsse mindestens eine Vollzeitstelle zur Verfügung* stehen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland bedeutet das die Schaffung von insgesamt 62.000 neuen Stellen. Die Kosten für diesen Ausbau beziffert der Verbund auf ca. 3,6 Milliarden Euro jährlich.

Auf Einladung des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit, der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit NRW, der Fachhochschule Dortmund und der Stadt Dortmund hatten sich am 4./5. Dezember rund 700 sozialpädagogische Fachkräfte, WissenschaftlerInnen sowie Träger aus dem ganzen Bundesgebiet zum Austausch getroffen. In mehr als 80 Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops standen neben fachlichen Themen auch aktuelle Positionen und Perspektiven der Schulsozialarbeit im Mittelpunkt. [Und stellen Sie sich vor: Sie sind übereingekommen, dass sie dringend mehr Stellen brauchen!]

„In den vergangenen Jahren“, sagte Bernhard Eibeck als Sprecher des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit, „hat die Schule eine Menge neuer Aufgaben übernommen: Ganztagsangebote, Projekte, individuelle Förderung Benachteiligter und soziale Integration. Dazu kommt jetzt noch die sozialpädagogische Unterstützung der nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Dies alles ist ohne Schulsozialarbeit nicht zu machen.“ Einige Bundesländer und Kommunen hätten mit erheblichen Mitteln neue Förderprogramme aufgelegt. Diese seien allerdings zumeist zeitlich befristet. „Wir brauchen“, betonte Eibeck“, einen systematischen und dauerhaft abgesicherten ** Ausbau der Schulsozialarbeit an allen Schulen.“




Der Kooperationsverbund Schulsozialarbeit und die Landesarbeitsgemeinschaften schätzen, dass es bundesweit derzeit rund 10.000 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte an Schulen gibt. Diese sind überwiegend bei freien Trägern der Jugendhilfe angestellt, in Nordrhein-Westfalen aber auch unmittelbar im Schuldienst. Bei 10,9 Millionen Schülerinnen und Schülern betreut rechnerisch ein Schulsozialarbeiter/eine Schulsozialarbeiterin 1.089 Kinder und Jugendliche. Viele Schulen haben nur eine halbe Stelle; an anderen Stellen ist ein Schulsozialarbeiter sogar für mehrere Schulen zuständig.

„Die Stadt Dortmund ist ein guter Standort für Schulsozialarbeit. Sie gibt konzeptionell und strukturell ein Beispiel, wie man Schulsozialarbeit steuern und vernetzen kann“, gab Bernhard Eibeck der Kommune gute Noten. Ein solches Zusammenspiel drückt sich unter anderem in der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Koordinierungsstelle Schulsozialarbeit der Stadt und dem Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften aus, die seit Jahren unter anderem gemeinsam einen „Fachtag Schulsozialarbeit“ an der FH Dortmund veranstalten.


Prof. Dr. Nicole Kastirke, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, bereitete den Bundeskongress Schulsozialarbeit von Seiten der Fachhochschule Dortmund maßgeblich vor. Sie hofft nun auf einen guten Nachhall der Dortmunder Erklärung: „Wenn wir es geschafft haben, den Schulsozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in unserem Land Wertschätzung für ihre tägliche Arbeit entgegenzubringen und gleichzeitig eine Bewegung anzustoßen, die für bessere Rahmenbedingungen in diesem Arbeitsfeld sorgt, dann werden es uns die Kinder und Jugendlichen danken. Schule ist viel mehr als kognitives Lernen und tägliches Überleben von Unterricht! Nur mit multiprofessionellen Teams lässt sich Schule entwickeln und zu einem Lern- und Lebensort machen.“


*) [Wem zur Verfügung stehen?]
**) [Das gehört nämlich zum Profil des fachlich qualifizierten Sozialarbeiters: Er will abgesichert sein.]

Prof. Dr. Nicole Kastirke, Fachhochschule Dortmund, Angewandte Sozialwissenschaften, Telefon: 0231 755-4919, E-Mail: nicole.kastirke@fh-dortmund.de

Weitere Informationen: http://www.bundeskongress-schulsozialarbeit.de

Nota:  
Posten 
her, wenn's 
sein muss, von der Konkurrenz,
und es mög' keinen was 
kosten.
JE


Mittwoch, 3. Juni 2015

Wer hätte das gedacht!

ägyptische Klageweiber
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Sozial- und Erziehungsdienste: Arbeitsanforderungen besonders stark gestiegen
Rainer Jung
Abt. Öffentlichkeitsarbeit
Hans-Böckler-Stiftung

03.06.2015 11:37

Von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studien
Sozial- und Erziehungsdienste: Arbeitsanforderungen besonders stark gestiegen

Die fachlichen und die Leistungsanforderungen an Beschäftigte in den kommunalen Sozial- und Erziehungsdiensten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das zeigen Befragungen im Rahmen von Forschungsprojekten, die die Hans-Böckler-Stiftung fördert. 76 Prozent der Beschäftigten, die zum Beispiel als Erzieherinnen, Erzieher oder Sozialarbeiter in kommunalen Kindertagesstätten, Ganztagsschulen, Beratungsstellen, Jugendeinrichtungen, Heimen oder Behinderteneinrichtungen arbeiten, geben an, dass die an sie gestellten Leistungsanforderungen zugenommen haben. Das kann beispielsweise bedeuten, dass die Beschäftigten zusätzliche Aufgaben übernommen haben oder mehr in der gleichen Zeit schaffen müssen, 48 Prozent sagen sogar, die Leistungsanforderungen hätten „sehr stark“ zugenommen. Dieser Wert liegt noch deutlich höher als bei anderen Beschäftigten in Städten und Gemeinden (siehe auch die Grafik; Link unten). Das ergeben Befragungen unter insgesamt 3.200 kommunalen Beschäftigten in 34 Städten und Gemeinden, die Dr. Werner Schmidt und Andrea Müller vom Tübinger Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur (F.A.T.K.) in den Jahren 2011/2012 durchgeführt haben. Rund 680 der Befragten arbeiteten im Sozial- und Erziehungsdienst.

Auch andere Mitarbeitergruppen in den Kommunen geben mit großer Mehrheit an, dass die Leistungsanforderungen gestiegen sind, doch ein „sehr starker“ Anstieg wird im Durchschnitt aller Beschäftigten mit 38 Prozent von nicht ganz so vielen berichtet. Den Anstieg der Leistungsanforderungen in Städten und Gemeinden bestätigen in einer weiteren Erhebung der F.A.T.K.-Forscher mehrheitlich auch die kommunalen Arbeitgeber. Von den befragten Entscheidungsträgern in 426 Städten und Gemeinden geben sogar 40 Prozent an, dass die Leistungsanforderungen „sehr stark“ zugenommen hätten.

Die Hintergründe hierfür liegen nach Analyse des Soziologen Schmidt „auf der Hand: Einerseits sind viele Kommunen seit Jahren gezwungen, am Personal zu sparen, und andererseits nehmen die Aufgaben kontinuierlich zu“, sagt der Forscher. Danach gefragt, worauf die steigenden Leistungsanforderungen zurückzuführen sind, seien sich Beschäftigte und Arbeitgeber wiederum weitgehend einig, so der Wissenschaftler: 93 Prozent der Arbeitgeber und 85 Prozent der Beschäftigten nennen „wachsende Aufgaben“, 66 Prozent der Arbeitgeber und 72 Prozent der Beschäftigten „Stellenabbau“ als wichtige Gründe.

Die Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste sind nach der F.A.T.K.-Befragung offenbar ganz besonders stark mit einem Aufgabenzuwachs konfrontiert. Sie geben sogar zu 93 Prozent an, dass gestiegene Leistungsanforderungen auf „wachsende Aufgaben“ zurückzuführen sind. „Die steigenden gesellschaftlichen Ansprüche an die Qualität der vorschulischen Erziehung, aber auch etwa die Zunahme psychisch belastender Aufgaben im Bereich der Sozialarbeit dürften hier eine Rolle spielen“, erklärt Schmidt. „Die Ursachen der Unzufriedenheit deuten darauf hin, dass eine bessere Personalausstattung sowie eine Aufwertung der Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste sowie des öffentlichen Dienstes insgesamt erforderlich sind.“

Erzieherinnen: Steigende Anforderungen, Multitasking, hohe körperliche Belastung 

Einen detaillierteren Blick auf die Arbeitssituation von Erzieherinnen und Erziehern erlauben Befunde aus einem laufenden Forschungsprojekt am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das ebenfalls von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Die Forscherinnen Dr. Anja Hall und Ingrid Leppelmeier stützen sich auf die aktuelle Welle der Erwerbstätigenbefragung, die das BIBB und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) 2012 durchgeführt haben. Befragt wurden insgesamt 20.000 Erwerbstätige in Deutschland, unter ihnen knapp 400 Erzieherinnen und Erzieher. Die Ergebnisse der Repräsentativbefragung haben die Forscherinnen mit anderen Studien zur Arbeitssituation in der Kindertagesbetreuung abgeglichen – und in zentralen Punkten sehr starke Übereinstimmungen festgestellt. Erzieherinnen und Erzieher seien „eine besonders belastete Berufsgruppe“, resümieren die BIBB-Expertinnen.

Wesentliche Trends: Erzieherinnen und Erzieher sind mit den Inhalten ihrer Tätigkeit, in ihrem Fall der Sorge- und Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, im Durchschnitt zufriedener als Beschäftigte anderer Berufe. Doch gleichzeitig wird ihre Tätigkeit fachlich zunehmend anspruchsvoller, die körperlichen und psychischen Belastungen sind groß. Das gilt insbesondere für Lärm, die Notwendigkeit, in auf Dauer schmerzhaften Positionen zu arbeiten, die Anforderung an Multitasking und den Kontakt mit Krankheitserregern. Und Rahmenbedingungen wie die Bezahlung stimmen nach Einschätzung der Erzieherinnen und Erzieher in ihrem Beruf oft nicht. Knapp 50 Prozent zeigen sich damit in der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2012 weniger oder gar nicht zufrieden. Das sind fast 22 Prozentpunkte mehr als im Mittel der Befragten aus anderen Berufen.

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Stefan Lücking
Abteilung Forschungsförderung
Tel.: 0211-7778-175
E-Mail: Stefan-Lücking@boeckler.de

Dr. Dorothea Voss
Abteilung Forschungsförderung
Tel.: 0211-7778-194
E-Mail: Dorothea-Voss@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de


Nota. - Ich habe gut drei Jahrzehnte lang selber in dieser Branche gearbeitet. Ich habe immer, von Jahr zu Jahr, gehört, die Belastungen nähmen zu, die Fälle würden immer schwerer, wir bräuchten dringend mehr Personal. Ich habe nie gehört, dieses Jahr sei mal irgendetwas besser geworden, die Fälle nicht mehr ganz so schwer, mit dem Personal käme man endlich mal aus. 

Die Böckler-Stiftung hat auch keine irgendwie objektivierbare empirische Untersuchung in Auftrag gegeben, sondern hat Betroffene danach gefragt, wie sie sich fühlen. Und siehe da - sie fühlen sich nicht gut, und so wird es schon seit hundert Jahren sein: So lange gibt es diesen Beruf nämlich. Und wenn sie alle Jahr für Jahr immer Recht gehabt haben in ihrem Empfinden und es doch heute grad eben noch erträglich ist - dann muss das ja am Anfang die reinste Idylle gewesen sein vor hundert Jahren; und dann können sie damals nicht Recht gehabt haben!

Aber wenn damals nicht, wieso dann heute?

Der Haken ist eben der: Das ist alles gar nicht objektivierbar! Nicht einmal, wenn die Gruppenstärken heraufgesetzt werden - es gab Zeiten, da wurden sie gesenkt, hat man damals nicht geklagt? -, bedeutet das zwingend, dass die Belastung größer würde. Kann sein und ist im statistischen Durchschnitt vielleicht sogar wahrscheinlich; muss aber ganz und gar nicht sein, die Gruppenstärke ist kein unabhängiger Parameter, da ist vieles andere mit ins Spiel. 

Und wenn das schon seit hundert Jahren so geht, dann liegt die Frage nahe: Liegt es vielleicht am Charak- ter dieser Berufe selbst, dass die, die ihn ausüben, ständig klagen müssen? Oder liegt es am Charakter derer, die sie wählen?

*

Nicht die Unzufriedenheit beweist, "dass eine bessere Personalausstattung sowie eine Aufwertung der Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste sowie des öffentlichen Dienstes insgesamt erforderlich sind", das traut sich nicht einmal der Mann von der Böckler-Stiftung zu sagen; nein, die Ursachen für Unzufriedenheit "weisen darauf hin"...

Wollen Sie mit mir wetten, dass er das schon wusste, bevor er die Umfrageergebnisse in den Händen hielt - und bevor die Umfrage überhaupt in Auftrag gegeben wurde?

Nein, darauf wollen Sie nicht mit mir wetten, weil Sie wissen, dass Sie die Wette schon verloren haben.
JE



Dienstag, 19. Mai 2015

Burnout - die Berufskrankheit der Sozialarbeiter?



Soziologen: Burnout als Symptom einer übertriebenen Wettbewerbs- mentalität ernst nehmen




Rainer Jung 
Abt. Öffentlichkeitsarbeit 
Hans-Böckler-Stiftung 

Wachsende Anforderungen, Wettbewerbsdruck ohne Feierabend und ein hoher Anspruch an die eigene Arbeit – wo diese Faktoren zusammenkommen, steigt das Burnout-Risiko. Soziologen sehen das Leiden als Symptom einer entgrenzten Arbeits- und Wirtschaftsweise.

Begonnen hat es in der alternativen Nische. Als der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger 1974 erstmals Fälle von Burnout beschrieb, waren seine Patienten Sozialarbeiter und Lehrer, die wie er in Spanish Harlem arbeiteten: hoch motiviert, politisch engagiert – und nach Jahren frustriert durch die Erfahrung, dass sie trotz eines Einsatzes weit jenseits normaler Arbeitszeiten im damaligen New Yorker Problemviertel nicht wirklich etwas ändern konnten – eben „ausgebrannt“.

Die besondere Kombination aus hoher eigener Identifikation und systematischer Überforderung von Beschäftigten sei ein Schlüssel, um zu verstehen, warum sich Burnout stark ausgebreitet hat, schreiben Prof. Dr. Sighard Neckel und Greta Wagner. Natürlich gab es immer schon harte Arbeit und Stress. Trotzdem sei Burnout keineswegs nur eine Modediagnose, betonen der Frankfurter Soziologie-Professor und seine Mitarbeiterin. Erschienen ist ihr Aufsatz in den WSI-Mitteilungen, der Fachzeitschrift des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Burnout spiegele vielmehr gewichtige Veränderungen in Arbeitswelt und kapitalistischem Wirtschaftsmodell wider: „Unrealistische Erwartungen an die Belastbarkeit von Mitarbeitern entstammen längst nicht mehr dem Idealismus alternativer Milieus der 1970er-Jahre, sondern sind in einer ökonomischen Kultur zur Regel geworden, die um jeden Preis auf permanente Leistungssteigerung setzt.“

Zwei wesentliche Trends greifen nach Analyse der Wissenschaftler ineinander:

Eine Selbstverantwortungs- und Wettbewerbslogik, die das Berufsleben prägt, aber längst auch in den privaten Bereich hineinreicht – von der Konkurrenz zwischen betrieblichen Profit-Centern über die Sorge um den Schulerfolg der Kinder bis hin zur Castingshow im Fernsehen. Neckel und Wagner sehen einen Zusammenhang zur „Ausbreitung des Neoliberalismus in den 1990er-Jahren“. In deren Folge sei „es zu einer zeitlichen und sachlichen Entgrenzung von Wettbewerben“ gekommen, „sodass Wettbewerbe zunehmend die Sozialordnung als Ganzes bestimmten“.

Einerseits seien zuvor weitgehend nach anderen Logiken organisierte Bereiche wie Hochschulen oder öffentliche Verwaltung in den Wettbewerb einbezogen worden, so die Forscher. Zum anderen verkürzten sich für sehr viele Erwerbstätige die Abstände, in denen „der erreichte Status wieder zur Disposition gestellt und 'performativ' neu erkämpft werden“ musste. Begünstigt wurde das durch Fortschritte in der Informationstechnik. Leistungsfähige Computer bildeten eine zentrale Voraussetzung für engmaschige Leistungs- und Erfolgskontrollen. Mobilgeräte eröffneten die Möglichkeit, Beschäftigte dauernd zu erreichen. Hinzu kamen Deregulierungen auf dem Arbeitsmarkt. Sie erleichterten beispielsweise die Einrichtung befristeter Jobs, die der Analyse von Neckel und Wagner zufolge „den Leistungsdruck auf die Mitarbeiter erhöhen und sie zwingen, ihren Wert für die Organisation immer wieder von Neuem beweisen zu müssen“.

Als zweiten, „subjektiven“ Faktor der Entgrenzung identifizieren die Soziologen den Wunsch vieler Menschen, „dass die Arbeit mehr sein möge als bloßer Lebensunterhalt“. Der Anspruch, sich im Beruf selbst zu verwirklichen, habe sich seit Freudenbergers Zeiten stark ausgebreitet und werde auch dort gepflegt, wo das früher nicht üblich war. Was aus Sicht des einzelnen Arbeitnehmers grundsätzlich nachvollziehbar und sinnvoll sei, könne jedoch „zum Köder“ werden. Nämlich dann, wenn Unternehmen mit praktisch grenzenlosem Einsatz kalkulieren – nach Ansicht der Forscher sind beispielsweise kräftige langfristige Zuwächse bei atypischen oder überlangen Arbeitszeiten ein Indiz dafür. Besonders problematisch sei es, wenn Beschäftigte keine echten Möglichkeiten hätten, ihre Arbeitsgestaltung mitzubestimmen. Neckel und Wagner resümieren typische psychologische Fallbeschreibungen zum Burnout: „Die Identifikation mit der Arbeit trieb die späteren Burnout-Patienten, je unzulänglicher die Arbeitsbedingungen waren, in immer größeres Engagement, was schließlich zum Erschöpfungszusammenbruch führte“.

Dass Burnout in den Medien prominent behandelt wird, halten die Soziologen für durchaus positiv. Das Syndrom sei zu einem griffigen Symbol geworden, über das „der Wandel der Arbeitswelt und die daraus entstehenden psychischen Kosten, welche die Arbeitssoziologie teilweise bereits seit Jahrzehnten beschrieben hatte“, nun verstärkt Thema in breiteren gesellschaftlichen Debatten würden. Statt aus Überforderung resultierende psychische Erkrankungen als individuelle Probleme abzutun, gerieten die Schattenseiten einer übersteigerten Wettbewerbsgesellschaft in den Blick, die die Arbeitskraft verschleiße. Nicht selten bereits in Vorauswahlen oder Antragsprozessen für Projekte, die am Ende nie umgesetzt werden. Die öffentliche Kritik könnte helfen, die Wirtschaft auf einen stärker nachhaltigen Entwicklungspfad zu bringen, hoffen Neckel und Wagner. In manchen Unternehmen seien schon Anzeichen dafür zu beobachten.



Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/14_52172.htm - Die PM mit Ansprechpartner
http://media.boeckler.de/Sites/A/Online-Archiv/14275 - Der Aufsatz in den WSI-Mitteilungen
http://www.boeckler.de/themen_32995.htm - Weitere Studien zum Thema Arbeitsbelastungen/Arbeitssschutz

Nota. - So ist es: Nicht 'die Gesellschaft' erwartet zuviel von den Sozialarbeitern, nicht die Sozailarbeiter erwarten zuviel von sich, sondern die Sozialarbeiter erwarten zuviel von ihrem Beruf.

Freudenbergers Diagnose datiert von 1974? Da war die Zunft noch neu und jung, da gab es ganz sicher eine Menge Leute, die von sich selbst "zu viel" erwarteten - in Amerika wie bei uns: Die dachten noch, es wäre ganz besonders an ihnen, die Welt zu verändern, und in Amerika sicher viel naiver als in Old Europe. Aber auch bei uns kamen sich die Sozialarbeiter, die eben erst diese Berufsbezeichnung und kaum noch ein Gra- duiertendiplom errungen hatte, wie Pioniere und Avantgardisten vor. Das waren Leute, die sich auf ein ganz neues Terrain vorgewagt hatten, die noch selbst erkunden mussten, in welchem Land sie überhaupt gelandet waren, und die sich zu Recht für Kreative und ein bisschen, nein sogar sehr auch für Künstler hielten - im vollen Bewusstsein, bei einer unglücklichen Wendung der Umstände auch scheitern zu können.*

Heute ist Sozialarbeit - "Sozialpädagogik" schon gar - ein Öffentlicher Dienst wie alle andern, nein, gar mehr als alle andern, und waren sie in den Pionierjahren allgemein bestaunt und bewundert und wegen ihres Idealismus' natürlich auch ein wenig belächelt, so ziehe ich es heute vor, meinen (früheren) Beruf zu verheimlichen, so sehr wird er inzwischen verachtet. Und sie geben mehr und schrillere Töne an als je zuvor. Bescheidenheit ist ihre Zier nicht, doch das erwartet auch schon keiner mehr von ihnen. Sie dümpeln in routiniertem Schlendrian und geben an wie ein Sack voll Flöhen. 

Es gibt ihrer viel zu viele. Professionell qualifizieren ließe sich ihr Beruf nur durch strenge personale Ökonomie - doch auch gesellschaftlich und sogar pekuniär aufwerten. Aber meinen Sie, dafür fänden Sie unter ihnen Sympathie und Bereitschaft zu einem neuen Aufbruch? "Das ist ja wohl das Letzte!"

Kein Wunder, dass in ihrem Berufsbild der Burnout ganz obenan steht, und fast möchte man es ihnen, wenn es nicht auf Kosten der Steuerzahler und der Klienten ginge, gönnen.

*) Haltet mal schön die Füße still, von mir rede ich ja nicht, damals gehörte ich noch gar nicht dazu. Ich rede von meinen Freunden und Bekannten.
JE



Sonntag, 19. April 2015

Hat Streetwork überhaupt eine Wirkung?

 ackern in der Steillage
aus Der Standard, Wien,15.4.2015

Vielfältige Wirkungen von Jugendarbeit auf der Straße

von Lisa Breit

Wien - Auf Fußballplätzen, in Kaufhäusern, bei Spielplätzen, vor Fastfood-Restaurants: All das sind Orte, wo Mitarbeiter der mobilen Jugendarbeit - auch als Streetworker bekannt - Ansprechpartner für Anliegen aller Art sind. Sie helfen bei Problemen in der Schule oder zu Hause, beantworten Fragen zu Sexualität oder Drogen. Sie sind fallweise Vermittler, Freunde, Mediatoren, Eltern, Therapeuten oder Lehrer. Mobile Jugendarbeit wendet sich besonders an Jugendliche, die durch klassische Angebote nicht mehr erreicht werden. Einrichtungen, die mobile Jugendarbeit anbieten, sind zumeist auf Förderer angewiesen. Förderer, die wissen wollen: Bringt Streetwork überhaupt einen Mehrwert?


Methoden entwickeln

Das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) versucht derzeit, diesen Einrichtungen, die meist wenig mit Wissenschaft zu tun haben, mit empirischen Ergebnissen weiterzuhelfen. Im zweijährigen Forschungsprojekt "Ja sicher", das im Rahmen des Förderprogramms Kiras für Sicherheitsforschung vom Verkehrsministerium gefördert wird, soll in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium und Jugendvereinen in Wien und Niederösterreich nachgewiesen werden, wie mobile Jugendarbeit wirkt.


Das ist keine leichte Aufgabe, sagt Projektleiterin Hemma Mayrhofer: "Die Wirkungen können so vielfältig sein wie die Bedürfnisse eines jungen Menschen selbst. Die Herausforderung ist, geeignete Kriterien für die Untersuchung und Forschungsmethoden zu entwickeln, mit denen die Wirkungen erfasst werden können."


Das Team um Mayrhofer entschied sich für eine Kombination mehrerer Untersuchungsmethoden: Befragungen, Beobachtungen, Netzwerkanalysen, Fotografien, Interviews. Rund 200 Jugendliche sollen Fragen zu ihren Hobbys, Erfolgserlebnissen, ihrem Umgang mit Konflikten, aber vor allem auch zu ihren Erfahrungen mit mobiler Jugendarbeit beantworten.


Wie stehen sie zu den Angeboten? Wenden sie sich mit ihren Problemen an die Streetworker? "Auch wenn es banal klingen mag: Ob die Angebote genutzt werden, gibt uns letztendlich bereits einen ersten wichtigen Hinweis darauf, ob sie auch wirken können", sagt Mayrhofer. Ergänzt werden diese sogenannten "standardisierten" Interviews durch narrative: Zehn bis zwölf Ex-Nutzer mobiler Jugendarbeit erzählen den Forschern ihre Lebensgeschichte. Kommunalpolitiker, das Jugendamt, Lehrer und Mitarbeiter von Freizeiteinrichtungen und Kulturvereinen lassen in einer sogenannten "Netzwerkanalyse" ihre Erfahrungen einfließen.


Schließlich nehmen die Forscher auch am Arbeitsalltag von Jugendarbeitern teil - und zwar beobachtend. Sie halten sich über einen längeren Zeitraum an Orten in Wien und Niederösterreich auf, an denen es häufig zu Konflikten zwischen Jugendlichen und anderen Nutzern des öffentlichen Raumes kommt - in Parks, auf Spielplätzen, und auch eine Kirche war bereits Untersuchungsfeld. "So wollen wir herausfinden, wie alle Beteiligten mit Konflikten umgehen. Wir wollen sehen, in welcher Weise die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter auf den weiteren Verlauf des Streits einwirken", sagt Mayrhofer.


Studien noch ausständig

Dass umfassende sozialwissenschaftliche Studien zum Thema noch ausständig sind, bedauert Mayrhofer. Was die Forschung so schwierig mache, sei das Fehlen eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, denn: Mobile Jugendarbeit könne sich auf verschiedene Weisen auf das Leben der Jugendlichen auswirken.


Auch sei es praktisch unmöglich, präventive und langfristige Wirkungen zu erfassen: "Veränderungen können oft nur über mehrere Jahre festgestellt werden", sagt Mayrhofer. "Es ist aber nicht nur aufwändig, sondern auch unwahrscheinlich, dass wir die Jugendlichen über solch einen langen Zeitraum begleiten können."


Jugendliche wollen oft anonym bleiben, wenn sie sich an soziale Einrichtungen wenden. Daher ist auch die dünne Datenlage ein Problem für die Forscher. Diese werten deshalb zusätzlich - gemeinsam mit dem Innenministerium - Daten aus dem Sicherheitsmonitor aus: "Die Aufzeichnungen zeigen uns, in welchem Ausmaß strafrechtlich relevantes Verhalten in einem bestimmten Gebiet, etwa einem Park in Wien, beobachtet worden ist", sagt Mayrhofer. So können die Forscher sehen, ob ab dem Zeitpunkt, an dem mobile Jugendarbeit dort startete, die Zahlen zurückgehen.
Ende Mai beenden die Wissenschafter die Erhebung, Ende Juli beginnen die Auswertungen. Im Anschluss wird es Workshops mit den beteiligten Einrichtungen und Lehrenden an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Wien geben. Dort soll es vor allem darum gehen, "die Ergebnisse für die Praxis nutzbar zu machen", sagt Mayrhofer, der es wichtig ist, dass Sozialforschung im Dialog mit den sozialen Einrichtungen passiert: "Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nicht eins zu eins in die Praxis übertragen. Es reicht nicht aus, Vorschläge zu formulieren, die dann kochbuchartig angewendet werden."


Nota. - So zweckmäßig eine solche Untersuchung wäre, so unzweckmäßig scheint die Herangehensweise des österreichischen Instituts. Sie scheinen die Wirkung von Streetwork - 'aufsuchende Jugendsozialarbeit' im Berliner Behördendeutsch - als eine Summe linear-kausaler Einzelwirkungen aufzufassen, was aller- dings so erfolgversprechend ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen; und man kann nur hoffen, dass die österreichischen Streetworker selber eine professionellere Auffassung von ihrer Arbeit haben: 

Streetwork kann (auf die Dauer) überhaupt nur nützen, wenn sie von Anfang an systemisch aufgefasst wird und eben nicht an ihren Ergebnissen in soundsoviel Einzelfällen, sondern an ihrer Wirkung auf das jewei- lige soziale Feld  gemessen wird. Sie muss sich zu einer sozialräumlichen Instanz entwickeln können, deren Präsenz zu einer selbstverständlichen Prämisse für jedermanns private Lebensführung wird; etwas, worauf man in jedem (nicht erst äußersten) Fall rechnen kann - und sei es ohne dass sie tatsächlich in An- spruch genommen wird! Ihre Gegenwart hätte (im Detail) nachträglich manch individuelle Konsequenz im Einzelfall, aber (en gros) vor allem eine vorab  regulative Wirkung fürs Gemeinwesen.


Mit andern Worten, Streetwork darf nicht nur "unter anderm auch", sondern muss zuerst und vor allem präventiv aufgefasst werden. Und so etwas lässt sich nur über einen längeren Zeitraum und mit den quan- tifizierenden Methoden der Soziologen nachweisen. Ohne Vertrauensvorschuss braucht man da gar nicht erst anzufangen, das geht garantiert ins Auge.

JE